Zwischen Lichtblick und Verzweiflung – Das neue Brockhampton Album

von am 15.04.2021

The Boys are back – Die Gruppe Brockhampton hat ihr sechstes Projekt „Roadrunner: New Light, New Machine“ veröffentlicht. Das Album bedient sich an einem Haufen Genres, wird persönlicher als je zuvor und hat einige wohlbekannte Featuregäste mit an Bord. Thematisch geben sich Dunkelheit und Licht die Klinke in die Hand. CampusCrew Autorin Lisa hat für euch reingehört.

Das Hip Hop Kollektiv ist zurück mit seinem sechsten Album und präsentiert uns 17 Songs (vier davon sind nur als Bonustracks auf der physischen Version enthalten, abseits der Streamingdienste). Wie auch schon die letzten vier Alben startet „Roadrunner: New Light, New Machine“ mit einem lauten, abgedrehten Banger. Auf Buzzcut taucht auch gleich Danny Brown mit seinem charakteristischen Schnarren auf und er bleibt nicht der letzte Kollaborateur des Albums. Gleich auf dem zweiten Track ist Peggy aka jpegmafia dabei und macht Chain On für mich zu einem absoluten Favoriten, obwohl (oder vielleicht gerade weil) das Instrumental nicht so unkonventionell klingt, wie man es von Peggys eigenen Projekten gewohnt ist. Darauf folgt Count On Me, mit einem Beat der einen beim Hörern nicht besonders fordert und einer poptauglichen Hook. Auf Track Nummer vier Bankroll kommen A$AP Rocky und A$AP Ferg dazu, um trotz Kapitalismuskritik auf dem Album verbal mit Geldbündeln zu flexen. Dann ist man mit einem harten Kontrast konfrontiert: Joba, Bandmitglied und Protagonist des folgenden Tracks, offenbart das thematische Kernstück des Albums. Über E-Gitarrensounds schüttet er sein Herz über den Tod seines Vaters auf, der sich mit einem Kopfschuss das Leben genommen hat. Brockhampton hat sich noch nie davor gescheut, persönliche Dämonen zu thematisieren, seien es Selbstzweifel, Diskriminierung oder die Trennung von Ameer Vann. Aber The Light gibt einen besonders tiefen und emotionalen Eindruck in die Gefühlswelt eines Trauernden.

Der aktuelle Zustand der Welt verlangt der Gruppe einiges ab

Es folgen der Track Windows, auf dem sich die ganze Band zusammen tut um ihre Energie in einen aggressiven Hip Hop Track zu bündeln, der die sechs Minuten lang nicht langweilig wird. Old News, der mich an Sugar, den kommerziellen Erfolg des letzten Albums erinnert und I’ll Take On You, mit smoothen RnB Elementen von Feature Chris Wilson und einem lockeren Beat. Track neun, What’s The Occasion kommt eher melodramatisch daher und geht all in mit einem Outro, dass mich ziemlich an Welcome to the Black Parade von MCR erinnert. Auf When I Ball geht es um Kindheitserinnerungen und auch der laid-back Beat nimmt uns mit zurück an den Anfang der Zweitausender. Don’t Shoot Up The Party ist nochmal ein richtiges Highlight des Albums.

Der American Way of Life bröckelt

Kevin Abstract erzählt wieder brutal ehrlich von seiner Erfahrung als schwarzer Homosexueller in Amerika. Joba flüstert bedrohlich „Why you gotta grab that pistol? Think about who gon‘ miss you“ und scheint die Frage nicht nur an seinen Vater zu richten, sondern an all die, die unter dem American Way of Life auseinander bröckeln und so zu Tätern oder auch Opfern werden. Der aktuelle Zustand der Welt scheint der Gruppe verständlicherweise Einiges abzuverlangen, Kevin haut uns die Zeile
„Fuck the world and all that inhibit it“ um die Ohren. Dear Lord, ein kleiner Frank-Ocean-artiger Gospelsong geht dem finalen Song der streambaren Albumversion voraus, dann wird mit The Light pt. II der Kreis mit Jobas tragischer Geschichte geschlossen. Er schlägt versöhnliche Töne an, wird seinen Kindern schöne Geschichten von ihrem Opa erzählen und selbst einen Weg aus der Dunkelheit finden. „The light is worth the wait“ ist die hoffnungsvolle Konklusion.

Chaotisch, aber mit Überraschungen

Wie ihr merkt, ist die Tracklist ziemlich divers. Das macht das Projekt ein bisschen chaotisch, hält aber vor allem beim ersten Durchhören eine Menge Überraschungen bereit. Obwohl das Album nicht so ganz aus einem Guss ist und ein paar Längen enthält, sind trotzdem einige zukünftige Brockhampton Classics dabei und ich bin mir sicher, dass jeder Fan mindestens einen Song darauf findet, der ihm oder ihr ganz besonders ans Herz wächst. Ein Geheimtipp ist die Band jedenfalls längst nicht mehr und auch mit den Gästen verhandelt Brockhampton ihren Status zwischen Popularität und Underdog: Danny Brown und JPEGMAFIA sind nicht die größten Mainstream Künstler, haben aber in entsprechenden Fangemeinden einen Kultstatus erreicht.

Die Arbeitsteilung bei Brockhampton funktioniert

An der generellen Stimmung merkt man, dass die Bandmitglieder nicht mehr die Jungs sind, die sich auf jedem Track verausgaben wollen und ihre ganze Energie ins Mikro schreien, aber das Kollektiv hat nun mal schon ein paar harte Rückschläge und schwierige Situationen durchgestanden. Sie haben auch hier und da bereits erwähnt, dass ihnen die Maschinerie des Musikbusiness zu schaffen macht. So deute ich auch den Albumtitel: Rennen auf die Lichtblicke zu, nur um am Ende vielleicht wieder nur funktionieren zu müssen. Ihre Persönlichkeit haben sie aber nicht verloren, immer wieder liefern die einzelnen Mitglieder ab, was sie jeweils am besten können, oder zeigen sogar neue Seiten von sich – die Arbeitsteilung bei Brockhampton funktioniert. Im Sommer 2020 hätte ich zu ihrem Konzert gehen sollen, jetzt hoffe ich darauf, „Roadrunner: New Light, New Machine“ im Januar 2022 live erleben zu können, bevor die Gruppierung ihre angebliche Trennung nach einem finalen Album wahr machen sollte.


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