Von goldener Liebe, Sexismus und Schmerz – Taylor Swift “Lover” Albumreview

von am 02.12.2019

Von Anette Benner

Es ist wieder so weit: Die American Music Awards (AMAs) wurden verliehen. Künstler aller Genres fanden sich am 24. November 2019 in Los Angeles ein, um zu glitzern und zu glänzen. Eine der größten Gewinnerinnen des Abends ist aber wohl Taylor Swift. Sie sahnte nicht nur fünf AMAs ab, die sie in mehrfacher Ausführung als Künstlerin des Jahres kürten, sondern auch die ehrenvolle Auszeichnung als Künstlerin des Jahrzehnts. Mit ihren nun insgesamt 29 AMAs bricht sie somit auch Michael Jacksons Rekord (24) mit den meisten AMAs in der Geschichte der Verleihung. Man mag sie lieben oder hassen, aber eins steht fest: Taylor Swift ist momentan ganz oben auf ihrer Karriereleiter. Passend dazu reviewen wir ihr Album Lover, erschienen am 23. August 2019 – und erklären, warum es trotz gewöhnlicher Beats und dem immerwährenden Thema Liebe nicht nur ein weiteres Pop-Musik-Album ist.

Ein farbenfroher Genre-Mix

Dem Release gingen drei vorab veröffentlichte Singles voraus, auf Grundlage derer man sich nicht so richtig vorstellen konnte, in welche Richtung das Album letztendlich gehen würde. ME! hat einen Disney-Touch, You Need To Calm Down ist eine farbenfrohe LGBTQ-Hymne, die die Liebe in all ihren Formen feiert und mit Hatern abrechnet. Lover hingegen ist ein Liebesbrief der, unterlegt mit einer langsamen Melodie, dazu einlädt, sich in ein Haus in den Bergen zu träumen, wo man gemeinsam mit der großen Liebe vor einem Kamin liegt und nur den Moment genießt. Wovon auch immer man ausgehen mochte: Mit dem letztlichen Endprodukt hat wohl niemand gerechnet. Lover vereint Genres wie keines von Swifts vorherigen Alben.

Von Pop bis Country

Mit Songs wie ME! Oder London Boy zeigt sie, dass sie nicht ohne Grund mittlerweile von vielen als Queen des Pop bezeichnet wird – sie passen mit ihren Mainstream-Pop-Klängen perfekt in die Charts. Doch sie zeigt auch, dass sie nicht auf diese 0815-Happy-Beats angewiesen ist, um alle Chartplatzierungen abzuräumen. Die 80er sind wieder in – in der Mode, in der Musik und in jedem anderen Stilbezogenen Bereich. Swift ist so etwas egal: Sie schreibt mit Paper Rings einen Song, der aus den 60ern sein könnte und dazu einlädt, Rock ‘n Roll zu tanzen. Mit Soon You’ll Get Better zeigt sie, dass sie in einem Wimpernschlag zurück zu ihren Nashville-Country-Wurzeln kehren könnte – wenn sie denn wollte. Soon You’ll Get Better ist allerdings noch viel mehr als das: Eine tiefgehende Ballade, die ihrer Mutter gewidmet ist, die Anfang des Jahres erneut mit Krebs diagnostiziert wurde. Den Refrain singt sie gemeinsam mit den Dixie-Chicks, begleitet von Gitarren- und Geigenklängen. Es ist ein Lied, das ehrlich wirkt – das Swift verletzlich macht und eine ihrer größten Ängste offenlegt.

Die treibende Kraft sind die Texte

Lover ist geprägt von einem auffällig kohärenten Klangbild mit Melodien und Beats, die nicht unbedingt außergewöhnlich sind – doch was das Album so herausragen lässt, sind die Texte, die Swift dazu geschrieben hat. In gewohnter Manier erzählt sie illustrative Geschichten und kreiert mit ihren Worten Szenen im Kopf des Hörers. In Cornelia Street erzählt sie beispielsweise davon, wie sich eine zwanglose Begegnung zwischen zwei Menschen zu einer großen Liebe entwickelt, von der sie sich eine Trennung nicht mehr vorstellen kann oder will. Eine große Love-Story in 4 Minuten 47. In Death By A Thousand Cuts handelt es sich, im Kontrast zu dem fröhlichen Beat unter den Zeilen, um Herzschmerz in seiner pursten Form. Mit Afterglow nimmt Swift einen ungewohnten Posten ein: Sie zeigt sich einsichtig, schuldbewusst. Waren frühere Alben geprägt von Schuldzuweisungen, sagt Swift mit diesem Song: „Ich habe Scheiße gebaut und es tut mir leid.“ In Daylight singt sie, wie in so vielen Liedern davor, von einer Liebe, die sich anfühlt wie ein Neuanfang. Mit dem Unterschied, dass man es ihr dieses Mal glauben kann:

„I once believed love would be black and white, but it’s golden. […] I once believed love would be burning red, but it’s golden.”

Ein Statement gegen Sexismus

Taylor Swift ist nicht gerade bekannt dafür, sich öffentlich zurückzuhalten, wenn sie mit jemandem Streit hat. Denkt man an ihre letzten Alben, findet man immer ein Lied, das einem ihrer Feinde gewidmet ist – sei es Bad Blood auf 1989 oder This Is Why We Can’t Have Nice Things auf Reputation. Auch auf Lover rechnet sie ab, und dieses Mal mit der kompletten Musik-Industrie. In The Man stellt sie sich vor, wie ihr Leben wäre, wenn sie ein Mann wäre. Was die Leute über sie sagen würden – wie ihre Arbeit von ihrem Aussehen separiert werden könnte, wie sie für ihre bisherigen Eroberungen bewundert werden würde. Sie bittet nicht darum, dass sich die Menschen ändern oder zeigt leidenschaftlich auf, was das Problem ist. Sie weist auf ruhige, fast nüchterne Weise darauf hin, was falsch läuft – und setzt so ein Statement, das für sich spricht.

Meisterklasse mit wenigen Abstrichen

Lover ist somit eines von Swifts großen Meisterstücken. Es begeistert vor allem aus lyrischer Sicht und ist eine willkommene Abwechslung zu einer Vielzahl aktueller Alben der Pop-Branche, die sich irgendwie alle gleich anhören und gleichzeitig keine Aussage haben. Der einzige Kritikpunkt ist, dass das Klangbild fast ein bisschen zu kohärent ist – ein wenig mehr Abwechslung hätte nicht geschadet. Trotzdem sticht Lover durch Swifts unverkennbaren, eigenen Stil heraus und lässt bereits jetzt Spannung darauf entstehen, was Taylor Swift als nächstes vorhat.

Bild: Billboard


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