Verhältnis mit Nebenwirkungen – Zeit für eine Pause

von am 17.07.2019

Von Caterina.

 


 

Lieber A.,

das erste Mal sind wir uns über den Weg gelaufen, als ich noch ein Kind war. Ich glaube, ich war sechs oder sieben. Das war der Geburtstag von meiner Mama. Sie hat so ein „Dessert für Erwachsene“ gemacht. Ich hab ́ heimlich davon gegessen. Neun Schüsseln. Da habe ich Dich kurz kennengelernt. Solche Momente gab es immer mal wieder. Einmal zum Beispiel, als ich dachte, da sei Traubensaft im Glas.

Plötzlich warst Du dann auch da.

Wir sind uns zwar immer mal wieder über den Weg gelaufen, aber nähergekommen sind wir uns erst an meiner Konfirmation. Ich war 14. Es war irgendwie aufregend und ich war unfassbar überdreht. Aber ich mochte Deine Anwesenheit, obwohl sie nur sehr zaghaft war. Ab diesem Zeitpunkt war das Eis im wahrsten Sinne des Wortes gebrochen und wir haben uns öfter getroffen. Oft freitags oder samstags. Häufiger als ich zugeben möchte sogar an beiden Tagen. Wir waren immer in einer Gruppe unterwegs. Anfangs war ich Dir gegenüber noch recht zurückhaltend, aber als ich gesehen habe, wie die anderen mit Dir umgehen, habe ich meine Scheu nach und nach abgelegt. An meinem 16. Geburtstag wurde es dann ernst. Wirklich ernst.

Wir hatten den ersten richtigen Stress.

Du und ich. Meine Mutter hat Dich gehasst an dem Tag. Und die Sanitäter, die Nachts um 2 Uhr vorbeikommen mussten auch.

Irgendwie haben wir beide uns wieder angenähert. Es waren aber oft auch die Umstände, die uns zusammengebracht haben. An meinem 18. Geburtstag warst Du präsenter denn je. Und auch bei jedem anderen Feierlichkeiten bist Du aufgetaucht.

Meistens warst Du schon da, wenn ich ankam.

Du bist zwar immer anders in Erscheinung getreten, mit anderen Leuten, in anderer Aufmachung, aber am Ende warst es doch dann immer Du. Immer der Gleiche. Je intensiver es mit Dir wurde, desto schlechter ging es mir kurz darauf. Nicht immer hat mir Deine Anwesenheit gutgetan. Aber das habe ich immer erst erkannt, wenn es zu spät war. Trotz aller Schwierigkeiten, die ich mit Dir hatte, haben wir nie so richtig den Kontakt verloren.

Es war eher eine On-Off-Beziehung.

Ja, wir hatten definitiv unsere Höhen. Letztes Wochenende zum Beispiel. Aber auch echt schlimme Tiefen. Letztes Wochenende zum Beispiel. Wie lange das jetzt schon mit uns geht… ist schon krass… Diesen Monat sind es schon zehn Jahre. Besonders nah standen wir uns in meiner Teenagerphase und ich muss sagen, es war auch immer echt legendär, wenn Du dabei warst. Egal, wo man mit Dir hinkommt, alle lieben Dich und vor allem: keiner kriegt genug von Dir.

Aber es war auch immer etwas heikel.

Meistens sorgst Du bei mir für gute Stimmung, bringst mich zum Lachen. Manchmal muss ich deinetwegen aber weinen – und ich weiß zu diesem Zeitpunkt meistens nicht mal warum. Krass sind auch die Essensgelüste, die ich in Deiner Gegenwart habe. Am nächsten Tag, wenn ich mit Dir aufwache, dann brauchen Du und ich immer etwas deftiges zum Frühstück, am besten Rührei. Entscheidest Du Dich dafür, noch länger bei mir zu bleiben, verbringen wir meistens den ganzen Tag im Bett.

Hin und wieder sorgst Du auf Partys dafür, dass ich wirklich peinliche Sachen mache oder sehr, seeeehr komisch tanze. Wow, und mit Dir an meiner Seite bin ich alles andere als fotogen!

Ich finde es schön, dass Du immer vorgibst, nicht so hohe Ansprüche zu haben. Obwohl das nicht der Wahrheit entspricht. Denn wenn ich für Dich tatsächlich nicht mehr als ein paar Euro ausgebe, lässt Du mich das am nächsten Tag spüren.

Auch hier in Passau bist Du beliebt.

Seit meinem ersten Studientag bist Du präsent. Deinetwegen habe ich in der O-Woche ein Stück Zahn verloren. Das war scheiße. Aber immer noch `ne gute Story. Eigentlich schaust Du während meines Studiums regelmäßig vorbei. Immer mit Freunden. Manche von ihnen sind echt richtige Fans von Dir. Wenn ich aus persönlichen Gründen manchmal versuche, Dir aus dem Weg zu gehen, dann bringen sie uns gleich wieder noch enger zusammen. Ja, auf meine Freunde ist verlass… Die halten uns zusammen.

Auch im jetzigen Semester ging es ein paar Mal schon ziemlich ab bei uns Beiden.

Zum Beispiel auf der Dult.

Ich hab mir deinetwegen wieder ein Stück Zahn ausgeschlagen – an der Mass. Irgendwie ist das unser Ding. Deine Wirkung auf mich in Verbindung mit meiner feinmotorischen Schwäche…. Aber diesmal war ich vorbereitet: Ich habe das fehlende Stück aufgehoben und zu Hause vorsorglich in meinem Speichel eingelegt, um damit am nächsten Tag zu meinem Zahnarzt des Vertrauens zu stiefeln. Als ich der Empfangsdame meinen Speichel unter die Nase hielt, starrte sie mich kurz an und fing dann herzlich an zu lachen. Ein ähnliches Szenario spielte sich dann mit dem Arzt im Behandlungszimmer ab. Ich durfte das 0,01 mm Zahnstück wieder mit nach Hause nehmen.

Doch, nach allen Höhen und Tiefen, die wir hatten, glaube ich, dass es wieder Zeit für eine Pause wird.

Ich will mich gar nicht für immer von Dir trennen.

Obwohl das vermutlich die gesündere Lösung wäre. Nein, dazu bist Du viel zu beliebt. Und ich mag Dich ja auch, das ist ja das Problem. Aber wir müssen nicht immer aufeinander hocken. Erst letztens habe ich gemerkt, wie viel Spass ich auch ohne Dich haben kann. Die Fotos, die dabei von mir entstehen sind dann auch gar nicht mehr so furchtbar. Um ehrlich zu sein, lenkst Du mich ab und das kann ich gerade echt nicht gebrauchen. Die Klausurenphase steht vor der Tür.

Ich brauche Abstand von dir.

Das fällt mir nicht leicht, schließlich bist Du ja überall und auch meine Freunde hängen ganz gern mit Dir ab. Trotzdem nutze ich jetzt die Gelegenheit, es hier ganz öffentlich zu machen: Alkohol, ich brauch `ne Pause.

Ich hänge an meinen Zähnen und zwar in ihrer gesamten Beschaffenheit. Und ich brauche noch ein paar Gehirnzellen für die Bachelorarbeit.

Aber es liegt nicht an Dir.

Es liegt an… der Industrie? Der Gesellschaft? An uns beiden. Deswegen: mach’s gut. Bis bald. Ich denke, es werden noch genügend andere Deine
Anwesenheit schätzen können. Ich bin raus. Erstmal.

Kenn dein Limit. Und deine Leber.


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