So geht Indie(pendent) – Fynn Kliemann “POP”

von am 08.06.2020

Fynn Kliemann, der vor allem für seine verrückten Heimwerkerprojekte bekannt ist, hat ein neues Album veröffentlicht. Nach seinem Debutalbum Nie folgt nun seine neue Platte POP. Unser Autor hat durchgehört.

Von Maximilian Meyer

“Was passiert schon in einer Minute?” – mit dieser Frage eröffnet der erste Song Kliemanns neue Platte POP. Weniger als eine Minute hat es bei mir gedauert, bis ich die Vinyl aus den Händen des Postboten gerissen und auf den Plattenspieler gepackt habe. “Nie wieder!” – diesen Satz hätte sich Fynn Kliemann nach der Fertigstellung seines ersten Albums am liebsten auf den Arm tätowiert. Und auch für mich hat dieser Satz nach einigen Albumfehlkäufen eine besondere Bedeutung: “Nie wieder bestelle ich mir ein Album vor, ohne die Musik vorher gehört zu haben!”. Im Jahre 2020 haben wir wohl beide dieses Versprechen gebrochen.

“Nie wieder!” – aber wenn doch, dann besser

Einmal produzieren. Genauso oft, wie es bestellt wird. Danach nie wieder. Das war die Devise, die Fynn Kliemman bei seinem gleichnamigen Debutalbum Nie aufgestellt hat – und er ist ihr treu geblieben. Wo die enorme Nachfrage seitens der Fans beispielsweise einen Felix Kummer zu einer zweiten Auflage seines Albums überredet hat, bleibt der norddeutsche Musiker seiner Linie treu. Nie wieder heißt eben nie wieder. Diese sehr harte und konsequente Verkaufsphilosophie hat dazu geführt, dass sein erstes Album mittlerweile zu astronomisch hohen Preisen auf Ebay gehandelt wird. Böse Zungen würden dahinter eine perfide Verkaufsmasche sehen, aber Fakt ist nun mal, dass der Plan aufgeht. Nicht verwunderlich also, dass auch POP nur bis zum Release am 28.05. physisch vorbestellbar war, und seitdem nur noch in digitaler Form erhältlich ist. Wer aber eine Art Neuauflage von Nie erwartet hatte wird positiv überrascht sein. POP erhält nicht nur den musikalischen Stil seines Vorgängers, sondern macht auch vieles besser.

Indie-Pop, so wie sie sein sollte

POP schafft es den Selfmade-Charakter des ersten Albums beizubehalten, wirkt jedoch mehr als ein sich geschlossenes Gesamtpaket. Man merkt Fynn die neu gewonnene Erfahrung und die breitere Experimentierfreudigkeit an. Wo Nie wie eine von einem Kumpel zusammengestellte Playlist wirkt, zeigt sich POP ohne Scham als vollwertiges, zusammenhängendes Album. In Zeiten, in denen das Indie-Genre eher den musikalischen Stil als die Produktionsbedingungen eines Albums beschreibt, wirkt Fynn Kliemanns Musik folglich als eine der wenigen, die den Namen Indie so richtig verdient. Es findet sich kein passendes Label für eine Kooperation? Egal – dann wird eben ein eigenes (TwoFingerRecords) gegründet. Der Vertrieb der Platten? Ach – lass doch einfach selber machen. Genau diese Einstellung hat Kliemann in der Vergangenheit zu großen Erfolgen geführt, so betreibt er neben seiner eigenen Medienagentur noch einen Heimwerker-Youtubekanal und das erfolgreiche Großprojekt Kliemannsland, in Kooperation mit FUNK, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF.

Weniger ist manchmal mehr

Wer Fynn Kliemman kennt, der weiß, dass er nicht nur der lustige Hampelmann aus dem Internet ist. Für viele seiner Zuschauer ist er Prophet einer ganz eigenen Lebensphilosophie:

Zieh dein Ding durch, mach worauf du Bock hast, auch wenn alle sagen, dass es scheiße wird.

Und genau diese Philosophie spiegelt sich in seiner Musik wider. Die Lieder auf POP erzählen nicht von einer aufgeblasenen, aufregenden Welt. Vielmehr schwärmen sie von der Idylle der Einfachheit, romantisieren das Landleben, den Garten der Eltern und preisen die Schönheit der kleinen Dinge im Leben. Warum mit dem Lambo durch die Großstadt brettern, wenn man auch einfach “mit dem Twingo bis zum Arsch der Heide” düsen kann? Kliemanns Texte handeln vom Alltäglichen und sind genau deswegen so nahbar. Dabei sind sie sowohl plump als auch tiefromantisch. Im radikal ehrlichen Song “Warten” reflektiert Fynn das Dilemma zwischen seinem Dasein als unverbesserlicher Workaholic und dem Versprechen an seine Freundin Franzi, mehr Zeit für sein Privatleben freizuschaufeln. Wo andere “reale” Musiker ihre neuen 500€ Sneaker präsentieren, löst sich Fynn Kliemann von seinen materiellen Besitztümern (siehe Musikvideo zu “Schmeiß mein Leben auf den Müll”) und wirft sie wortwörtlich “auf den Müll”. Nach der Trennung von diesen vermeintlich wichtigen Dingen, bleibt am Ende das was wirklich zählt – die Liebe seines Lebens. Für den einen mag das nun hoffnungslos kitschig klingen, aber Kliemann schafft es diese Themen in die unromantischen Kontexte und die alltäglichsten Situationen zu verpacken. Und genau deswegen funktioniert es.

Kliemanns Musik ist gute Hausmannskost

Fynn Kliemanns Musik ist wie Omas Kartoffelsalat. Gute Hausmannskost. Sie mag auf den ersten Blick nicht fancy wirken, aber wer sagt denn, dass sie das muss? Manchmal liegt die Genialität eben im Einfachen. Manchmal ist der gemeinsame Netflix-Pyjama-Abend mit dem/der Partner*in romantischer als es jedes Candle Light Dinner je sein könnte. POP macht genau das Gegenteil von dem was Pop-Musik eigentlich macht: Es bricht mit Konventionen. Und Fynn Kliemann verkörpert diese Philosophie in ihrer Perfektion. Er hat keinen Bock vor Publikum aufzutreten, singt nicht gerne live in der Öffentlichkeit – aber wer sagt eigentlich, dass er das muss? Wenn diese Review online ist, ist es für potentielle Kaufinteressenten leider schon zu spät. Das Album gibt’s nur noch zum streamen oder in der digitalen Version. Das mag jetzt für den ein- oder anderen vermutlich ärgerlich sein, aber genau so ging es mir nach dem Release vom Debutalbum Nie. Und das ist auch der Grund, warum ich blind und ohne zu zögern POP vorbestellt habe. Man kann nur hoffen, dass Fynn seinem Motto “Nie wieder!” ein drittes Mal untreu bleibt und wir in ein paar Jahren erneut mit Liedern des Künstlers versorgt werden, der über sich selbst sagt, er sei sich “nicht sicher ob Musik seine Welt ist”.
Doch Fynn. Ist sie.

 

 


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