So findest du das passende Ehrenamt | Interview

von am 14.07.2019

In Deutschland haben etwa 31 Millionen Menschen eine ehrenamtliche Tätigkeit. Ohne Bezahlung arbeiten sie bei einer der mehr als 600.000 gemeinnützigen Organisationen – Doch wie findet man das passende Ehrenamt für sich? 

Perdita Wingerter hat vor zehn Jahren den gemeinnützigen Verein “Gemeinsam leben und lernen in Europa” gegründet, mittlerweile ist sie auch die Geschäftsführerin. Der Verein möchte Menschen motivieren und dabei unterstützen, sich für die Gesellschaft zu engagieren. Außerdem werden viele Projekte organisiert, um Menschen sozial zu integrieren, die benachteiligt sind. Des Weiteren sollen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bekämpft werden. Schwerpunkt des Vereins ist Passau, es wird aber auch mit anderen Organisationen aus ganz Europa zusammengearbeitet.

 

CampusCrew: Wie finde ich das passende Ehrenamt für mich? 

Perdita Wingerter: Bevor ich nach außen gehe um etwas zu suchen, sollte ich erstmal nach innen gehen um zu schauen: “Was möchte ich eigentlich?” Eine absolute Grundfrage ist immer, wie viel Zeit ich pro Woche oder Monat investieren möchte. Dann hat man mal so einen Rahmen, wie ein Ehrenamt aussehen könnte. Manche Leute haben im Kopf den armen Kindern helfen zu wollen, haben aber eigentlich nur eine Stunde Zeit im Monat – dann passt dieser Anspruch überhaupt nicht mit dem Zeitkontingent zusammen. Außerdem ist wichtig, sich konkret auch zu überlegen, was würde ich denn gerne machen – also mit welcher Zielgruppe würde ich gerne arbeiten: ist es was mit Kindern oder kranken Menschen, mit Geflüchteten oder Migranten. Oder ist es ein allgemeines Thema wie Umwelt bzw. Klimaschutz, Rettung und Sicherheit, will ich was im sportlichen oder kulturellen Bereich machen, im sozialen oder im internationalen Bereich? Also das ich mir wirklich über die Zielgruppe(n) und das Thema des Ehrenamts klar werde und mir dann überlege: “Was kann ich da konkret mit einbringen, also was ist das, wo ich besondere Fähigkeiten oder besondere Kompetenzen habe?” Oder auch wo ich etwas lernen möchte. Ein Ehrenamt kann ja auch im Bereich sein, in dem ich wenig Erfahrung habe, aber wo ich etwas dazu lernen möchte. Wenn ich das eingegrenzt habe, dann kann ich mich vor Ort umschauen, wer bzw. welche Organisation arbeitet in diesem Bereich – Und dann mit der Organisation Kontakt aufnehmen.

Gibt es zu Beginn einer ehrenamtlichen Arbeit auch Schwierigkeiten?

Ich merke immer wieder, dass ein Knackpunkt die (zu) diffuse Vorstellung ist. “Ich will den armen Kindern helfen”, “Ich will, das Geflüchtete besser integriert werden” oder “Ich will, dass die Umwelt sauber ist” – Das sind halt riesengroße und sehr diffuse Themen. Das macht es im konkreten dann oft schwierig.

Was ist denn, wenn mir das Ehrenamt nicht gefällt – kann ich das dann einfach abbrechen?

Je genauer ich am Anfang nachfrage – Also was wird von mir erwartet, gibt’s jemanden der mich irgendwie einarbeitet, was für Unterstützungsmöglichkeiten gibt es – desto weniger kommt es überhaupt zu einem Abbruch. Es ist zu Beginn ganz wichtig, dass ich viel klarer die Erwartungshaltung auf beiden Seiten kläre. Dann kommt es zu viel weniger zu Frustration. Leute brechen in der Regel ab, weil die Sachen nicht so sind, wie sie sie erwartet haben. Ich sage zu den immer Leuten, dass sie davor halt nachfragen sollen oder konkret formulieren sollen, was sie sich konkret erwarten. Das meine ich auch mit dieser Innen-Reflektion: Ich werde mir klar, was erwarte ich denn vom Ehrenamt.

Was sollte ich machen, wenn es eben nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe?

Ich finde, dann sollte man auch so fair sein, das der Organisation auch mitzuteilen: “Hey Leute, ich bin frustriert aus folgenden Gründen”. Oder ich merke, ich bin nicht für diese Aufgabe geeignet,  aber dass man dann trotzdem das Gespräch mit der Organisation sucht. Vielleicht gibt’s in dem Bereich ja eine andere Aufgabe, für die ich dann besser geeignet wäre. Aber wie gesagt: Ich glaube, je reflektierter jemand das angeht und je reflektierter auch dieses Gespräch mit der Organisation ist, desto geringer ist die Chance, dass ich überhaupt abbrechen muss.

Muss ein Ehrenamt immer Spaß machen, was ist mit den aufwendiger Organisationskram-Momenten?

Grundsätzlich ist beim Ehrenamt für Ehrenamtliche wichtig, dass es Sinn macht. Langfristig lässt sich niemand motivieren, wenn er/sie das Gefühl hat, dass das was ich jetzt hier mache total sinnlos ist und es nicht bringt. Das ist die Grundvoraussetzung, die erfüllt sein muss. Natürlich gibt es Dinge, die nicht immer Spaß machen. Wir hatten ein paar Leute, die den Tierschutz unterstützen wollten und deshalb mal für einen Schnuppertag im Tierheim gearbeitet haben. Da mussten sie dann den Stall sauber machen, Rasen mähen und Unkraut zupfen. Die waren dann alle total frustriert, weil sie sich das irgendwie romantischer vorgestellt hatten: Sie führen Hunde spazieren und streicheln eine Katze. Da muss man halt auch manchmal ein bisschen realistischer sein. Das gleiche ist, wenn man mit Menschen arbeitet. Zum Beispiel bei der Tafel, da denkt man sich “ich helfe den Leuten, damit sie kostenlos essen kriegen, dann müssten doch alle dankbar sein”. Aber dann hat man es eben mit Menschen zu tun, die alles andere als dankbar sind, sondern vielleicht auch noch anspruchsvoll sind und Forderungen stellen. Das kann auch zu Frustration füllen, weil wie gesagt meine Erwartung nicht so erfüllt sind. Was ich ganz wichtig finde ist, dass die Stimmung unter den Ehrenamtlichen und auch in der Zusammenarbeit mit den Hauptamtlichen untereinander gut ist. Dann hält man auch mal Sachen aus, die vielleicht jetzt nicht so viel Spaß machen wie irgendwelche Zettel auszufüllen.

Vor allem am Anfang ist es ja nicht so einfach mitzumachen, wenn sich alle anderen schon kennen. Wie kann ich auch dauerhaft dabei bleiben? 

Die Frage stellt sich eher den Organisationen als den Freiwilligen. Es ist Aufgabe der Organisation sich darüber Gedanken zu machen, dass wenn jemand neues in unser Team kommt, sich diese Person auch gleich willkommen fühlt. Meistens ist es sehr hilfreich, wenn man jemanden hat, der schon ein bisschen erfahrener ist, der wie so ein Arm für diese Person fungiert und sie ein bisschen einführt. Dann hat man nicht das Gefühl, man sei der/die große Außenseiter*in. Ich merke schon, das Organisationen schnell die Leute wieder verlieren.

Wie viel Zeit pro Woche muss ich denn so ganz grob für ein Ehrenamt einrechnen? 

Das kann man nicht sagen. Das reicht von jemanden mit einer bestimmten Kompetenz, die er/sie nur einmal im Jahr für drei Stunden zur Verfügung stellt über kurzzeitiges Engagement bis hin zu beispielsweise Hospizbegleiter*innen, die erstmal eine ewig lange Schulung machen müssen, weil die wirklich gut auf diese Aufgabe vorbereitet werden müssen. Wenn du bei der Feuerwehr arbeitest kannst du auch nicht sofort im Feuerwehrauto mitfahren, sondern du musst erstmal die ganzen Ausbildungen machen und das ist auch Zeit, die investiert werden muss. Also das lässt sich nicht pauschal beantworten, als Faustregel gilt: Je anspruchsvoller das Ehrenamt ist, desto mehr Zeit musst du investieren.

Also zusammenfassend: bevor ich mich näher mit einer konkreten Organisation beschäftige versuche ich bei mir selbst herauszufinden, was möchte ich? Außerdem am Anfang gleich nachfragen, was bietet die Organisation und was kann ich bieten?

Genau, das finde ich ganz wichtig. Sich zu überlegen, was bin ich bereit zu tun? Vor allem aus dem studentischen Umfeld kommen ganz viele mit so ganz hochtrabenden Pläne zu mir. Die sagen dann “Ich würde gerne ein Mentorenprojekt aufbauen, und möchte dieses und jenes”. Ich frage dann nach, wie schaut es aus wenn du Prüfungsphase hast? Bist du überhaupt noch eine Zeit lang in Passau? Dann kannst du eben nicht so ein riesen ambitioniertes Projekt machen weil wenn du z.b. ein Mentorenprojekt machst, musst du die Menschen begleiten und die hören eben nicht auf wenn du Prüfungsphase hast. Also deswegen mein Tipp: Überleg’ dir vorher wie viel Zeit habe ich, wo wohne ich, welche Angebote gibt es vor Ort und welche Bedürfnisse aber auch Kompetenzen hast du?

 


 

Du willst selbst ehrenamtlich arbeiten? In der Datenbank vom Verein “Gemeinsam leben und lernen in Europa” sind einige ehrenamtliche Tätigkeiten aufgelistet.

Auch bei uns, dem Uni-Radio in Passau kannst du dich ehrenamtlich engagieren. 


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