Neue Deutsche Welle – Diese fünf Acts mischen Hip-Hop auf

von am 24.05.2020

Deutscher Rap klingt nur nach Gucci-Taschen und Lelele? Alle Rapper haben eine Frauenbild von 1950? Und sowieso reden die doch nur von ihrem Erfolg? Das stimmt vielleicht für die bekanntesten Künstler*innen des Genres, doch abseits davon entsteht gerade in der deutschen Hauptstadt viele Neues. Wir haben die spannendsten Newcomer für euch.

Spätestens seit Sido, Kool Savas & Co. zu Beginn der 00er Jahre deutschen Hip-Hop übernahmen, bildet Berlin wie keine andere Stadt das Zentrum des deutschen Raps. Egal ob Bushido, Peter Fox, Materia oder Capital Bra, sie alle zogen und ziehen ihre Inspiration aus den Straßen der Hauptstadt. Um sich dort zu beweisen, muss man schon herausstechen und das tun die folgenden Künstler*innen definitiv, sie alle haben einen individuellen Klang, besetzen besondere Themenfelder oder sind einfach nur erfrischend und unterhaltsam. Damit krempeln sie das Game um und sind auf jeden Fall einen Klick wert.

Der Sozialkritiker – Luvre47

Achtung, der junge Mann hier ist harte Kost. In seinen Songs geht es um die Schattenseiten, die eine Metropole wie Berlin so hat, die Probleme der Gentrifizierung, Chancenungleichheit und die Berliner Sprayer-Szene. Hip-Hop-Romantiker werden sich an Zeiten erinnern, als gerade dieser sozialkritische Aspekt das Genre auszeichnete. Luvre47 dreht die Zeit dahin zurück, ohne jedoch von vorgestern zu klingen. Ganz im Gegenteil seine dunklen Beats sind so frisch wie die Seiten unter der Cap und wie man mühelos zwischen Flows und Betonungen tänzelt, muss man dem Gropiusstädter auch nicht mehr erklären.

Der Rohdiamant – Pashanim

„Shababs botten. Grüne Augen, braune Locken. TN‘s rocken. Halbe Kisten, wenn wir shoppen“. Im Spätsommer 2019 braucht es nicht mehr als diese dreizehn Worte um einen gottverdammten Untergrund-Hit zu landen. Ein halbes Jahr später hat TikTok den Song für sich entdeckt und ganz Deutschrap einen Ohrwurm. Ein junger Berliner namens Pashanim hat mit einem Song von gerade einmal einer Minute und 36 Sekunden Länge einen Hype um sich ausgelöst. Während die Szene ein paar Monate nach dem Release von „Shababs botten“ zwischen „Wer ist eigentlich dieser Pashanim?“ und „Naja, ist wohl nur ein One-Hit-Wonder“ Rätselraten spielt, veröffentlicht Can David Bayram seinen zweiten offiziellen Song „Hauseingang“ und bringt nunmehr alle Zweifler zum Schweigen.

Denn nachdem „Shababs botten“ ein Ohrwurm-Partytrack mit reduziertem Beat war, legt er nun ein melancholisches Liebeslied auf einem ruhigen Instrumental nach. All das passiert in einem stimmigen Artwork, mit genauso ästhetischen wie authentischen Videos. Das Auge fürs Visuelle hat Pashanim sowieso, denn er war als Kameramann bereits bei Videos von Casper, Nura und Juju beteiligt, die alle in der ersten Deutschrap-Liga spielen. Lange dürfte es nicht mehr dauern, bis auch Pashanim in ähnlichen Sphären verkehrt, dem Newcomer-Status ist er trotz oder gerade wegen seinen lediglich zwei Releases bereits jetzt entwachsen.

Die Empowerment-Queen – Layla

Auch von Layla kann man sich bis jetzt erst wenige Minuten an professionell veröffentlichter Musik anhören, den Platz auf dieser Liste hat sie sich trotzdem verdient. Denn die 22-Jährige steckt so voller Talent, dass hier nur noch gute Dinge folgen können. Egal ob eiskalt abgezockt wie auf ihrem Debüt „Choppa“ oder warm soulig wie auf ihrem Instagram-Account, die musikalische Bandbreite auf der sich Layla bewegt, lässt sich nicht in Hip-Hop- oder R’n’B-Bezeichnungen pressen. Layla ist jedoch auch abseits der Musik eine wunderbar spannende Künstlerin, denn sie nutzt ihre Reichweite um verschiedenste Themen anzusprechen. Egal ob Rassismus, female Empowerment, Meditation oder Body Positivity, regelmäßig redet sie auf ihrem Instagram-Account über Dinge, die sie beschäftigen und man merkt der Künstlerin dabei an, dass da weit mehr dahinter steckt als nur eine schöne Stimme.

Der Spaßvogel – Symba

Symba gehört wie Pashanim zum sogenannten Playboysmafia-Kollektiv und ist ebenfalls einer der heißen Kandidaten für den ganz großen Wurf. Symba, der auch als Schauspieler (Der Kriminalist, Bibi & Tina) vor der Kamera steht und in Babelsberg Regie studiert, ist einer dieser Künstler, denen alles egal zu sein scheint. Seine Texte? Irgendwas zwischen Party, Liebe und Mit-den-Atzen-chillen. Seine Statussymbole? Maxi King, Nerf-Pistole und Dreirad. Seine Beats? Nicht mehr als ein Glockenspiel mit einer massiven Bassunterfütterung. Was ist hier Ironie und was Ernst? Keine Ahnung.

Nichts ist wirklich gewiss und das macht Symba so unterhaltsam. Denn trotz dieser Absurdität überzeugt Symba mit einer unglaublichen Stilsicherheit und Zeilen, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringen. Genau wie Kumpel Pashanim macht sich Symba online rar und erhöht so den Mythos um seine Kunstfigur noch ein wenig mehr. Genug von „Shababs botten“? Hier kommt der nächste Ohrwurm „Angels sippen. Und sie beißt sich auf die Lippen. Angels sippen. Meine DMs die sind voll, du musst mir Liebesbriefe schicken.“

Das Berliner Taschenmesser – Rapkreation

Zum Ende wird es wieder etwas ernster. Tariq und Victor sind Rapkreation, ein Rapduo, die irgendwie von allem etwas beherrschen. Party an der Tanke mit den Jungs? Check. Anarchische Ausnahmezustände auf Live-Konzerten? Check. Clevere Beschreibung der eigenen Lebensrealität? Ebenfalls Check. Die beiden haben es drauf, Geschichten zu erzählen, sie nehmen den Hörer mit in ihre Welt, zu den kaputten Biografien und auf die Straßen des dreckigen Berlins. Dabei schwingt immer auch etwas Sozialkritik mit, doch vor allem ist es ein authentischer Bericht aus dem eigenen Kiez. Produziert wird meist von MotB., der auch für die Berliner Kollegen von BHZ die Beats liefert. Und leider erwähnenswert und noch nicht selbstverständlich im Rap: Frauen sind bei Rapkreation keine „Bitches“ oder sonstige Objekte, sondern gleichberechtigte Mitglieder der Gang. Hier kann sich Deutschrap noch eine große Scheibe abschneiden.

Bonus: Die Kölner – Lugatti & 9ine

Ok, sorry Berlin, auch in anderen Teilen von Deutschland gibt’s noch gute Rapper. Zum Beispiel Lugatti & 9ine aus Köln. Die beiden haben das Zeug, vom Unterhaltungswert in die Fußstapfen von Celo & Abdi zu treten, nehmen sich selber nie ganz ernst und bringen trotzdem eine glaubhafte musikalische Kunstfigur rüber. Klar, thematisch dreht sich das hier irgendwie immer um das Lieblingshobby der beiden, doch trotzdem schaffen es die beiden ein abwechslungsreiches und unterhaltsames Repertoire daraus zu basteln. So wird bei Sonnenuntergang in Köllefornia am Rhein gechillt, ein düsterer $uicideboy$-Film im Lada gezeichnet oder so stumpf wie eingängig der Hasch-Knolle gehuldigt. Zudem sind sie als eine der wenigen Künstler in den Genuss einer Funkvater Frank-Produktion gekommen, denn welche Atmosphäre der Mannheimer mit seinen Samples schaffen kann, braucht man nur bei OG Keemo nachfragen.

Foto: Freund + Kupferstecher

Alle Songs und Künstler und noch viel mehr findet ihr in unserer Playlist:


Campus Crew Passau

Jetzt läuft
TITLE
ARTIST