Mannheimer Winter sind dunkel – OG Keemo “Geist” Albumreview

von am 25.11.2019

Räubermusik kommt im Winter. Das wusste bereits Haftbefehl und auch OG Keemo hält sich daran. Mit seinem Debütalbum „Geist“ liefert der Mannheimer Rapper Musik für die Zeit, wenn „kurze Tage zu langen Nächten werden und die Blätter gänzlich von den Ästen sterben“. Über 13 Songs lang zeichnet er ein genauso beklemmendes wie faszinierendes Bild und lässt den Hörer erschaudern.

„Geist“, erschienen am vergangenen Freitag, ist ein Konzeptalbum, wie es im Buche steht. Das allerdings, ohne an einer Stelle verkrampft zu sein, wie aus einem Guss fügen sich Wortspiele, Metaphern und eingängige Refrains aneinander. Dabei schafft es Keemo ernste Themen wie seine Rassismuserfahrungen mit Erzählungen zwischen Einbrüchen und Sturmmaske und einer fiktiven Geistergestalt zu verknüpfen.

Keemo wird zum Geist

Die zentrale Figur des Geistes wird direkt im Prolog eingeführt und im Verlauf des Albums immer wieder referenziert. Dabei verschmilzt Keemo die Grenzen zwischen der „15 Meter großen“ Kunstfigur des dunklen Geistes und seiner eigenen Person spielerisch, wechselt innerhalb von Zeilen die Perspektive und wird so, losgelöst vom eigenen Körper, selbst zum Geist. Denn gerade diese Trennung von Körper und Geist steht für die Distanz, die das lyrische Ich in den Texten zur sogenannten „Realness“ entwickelt, die im Rap sonst so oft betont wird. Bei Keemo ist es egal, ob er aus dem eigenen Leben berichtet, wenn er von Einbrüchen und Überfällen erzählt, durch das Schaffen der Kunstfigur „Geist“ kann er völlig frei wandeln und sich seine Rolle frei wählen: „Ich bin ein Killer? Nein, ich bin die Klinge!“

Und auch abseits von Deutsch-Abitur-Interpretationen ist OG Keemo schlicht und einfach ein technisch guter Rapper. Er variiert mühelos seinen Flow, reimt teilweise nicht nur Wörter, sondern halbe Zeilen aufeinander, hat einen großen Wortschatz und eine trockene, klare Sprache.

Die ein’n sind ertrunken im Branntwein
Die andern sind unten in Stammheim
Die einen Jungs lungern beim Amt
Und die ander’n Jungs renn’n noch vermummt in die Bank rein

Dr. Funkenstein und sein Monster

Das Monster in Keemo entfesselt dann endgültig Produzent und bester Kumpel Funkvater Frank. Als Dr. Frankenstein schafft er das musikalische Fundament, auf dem Keemo rappt. Deutschlandweit einmalig verknüpft er klassische 90er Jahre Boom-Bap-Rhythmik mit energetischem, zeitgemäßem Trap-Sound. Dabei weiß er genau, wann er Keemos dunkler Stimme Raum geben muss wie auf „216“ oder „Nebel“ und beispielsweise beinahe komplett auf die Drums verzichtet. Dafür arbeitet er an anderer Stelle wie auf dem Titeltrack „Geist“ oder „Neuner“ mit übersteuerten Synthies und ratternden Drums und feuert sein komplettes Arsenal ab. Dabei bedient er sich meist an Soul-, Jazz- oder Funk-Platten, samplet diese und verändert Ausschnitte daraus fast bis ins Unkenntliche. So entsteht eine komplette neue Atmosphäre.

Rassismus seit den ersten Tagen

Am stärksten ist das Album, wenn der Mannheimer zwischen den überzeichneten Gangster-Bildern Einblicke in sein Seelenleben gibt. Gleich zu Beginn erzählt Keemo wie er als Sohn eines sudanesischen Vaters bereits früh Erfahrungen mit Rassismus macht:

Ich lass’ die Augen ruh’n und schlafe ein und werde wach in einem Klassenzimmer
Von dem lauten Lachen von achtzehn Kindern
Die mir mit ihren blassen Fingern durch die Locken streifen
Verschwind’ aufs Klo, wo ich dann meine Tränen trocken reibe

In „216“ wird diese Gesellschaftskritik noch eindringlicher: “Was weißt du von Polizeikontrollen, wenn ein junger N*gga spät im Dunkeln unterwegs ist? Und allein dein Hautton ist Grund genug nicht lang rumzureden.” Die ernsten Töne wirken um so mehr, weil es auf „Geist“ auch die anderen Songs gibt, die Raub-dein-eigenes-Haus-aus-Songs, die Dreh-die-Anlage-zum-Anschlag-auf-Songs, die Mach-den-Moshpit-auf-Songs. Dieser Kontrast ist viel wert, so wird weder der moralische Zeigefinger zu groß, noch driftet das Album ins Belanglose ab.

Liebeslied in dunkelschwarz

Und sogar für die Liebe ist Platz auf dem Album, doch wer jetzt sanfte Töne erwartet, sollte sich wo anders umsehen. Bei OG Keemo ist auch ein Liebeslied dunkelschwarz angestrichen: “Ich hab‘ kein Herz, ich bin der Zinnmann, halt mich unter Wasser, teste ob ich schwimm‘ kann“.

Im Outro brechen OG Keemo und Funkvater Frank dann zum ersten Mal mit der düsteren Atmosphäre, huldigen den Anfängen, Vorbildern, Familie und den Freunden und sind dankbar, für alles bereits Erreichte. Und zu dem Erreichten können sie nun auch ein Album zählen.

„Geist“ wird zwar nicht auf den vorderen Chartplatzierungen landen, keine Millionen Klicks sammeln, nicht im Club laufen und schon gar nicht im Radio, doch mit diesem Album hat OG Keemo bereits nach gut zweieinhalb Jahren Rapkarriere einen Klassiker veröffentlicht.

Nein, die meisten posten nur zu viel auf Instagram (ah)
Du willst schießen, Ho, ich bin gespannt,
Denn Keemo Sabe macht den Winter lang.

 

Bild: Julia Sang Nguyen


Campus Crew Passau

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