Innovation made in Passau – Smartricity im Interview

von am 11.02.2019

Ein Interview von Valentin.

Das IT Start-up Smartricity will mit neuer Technologie zum Stromsparen animieren. Wie aus einer Idee im Rahmen eines Uniseminars ein Unternehmen wurde erzählen die beiden Gründer Sebastian Schmidt (30) und Michael Hasler (27).

 Zusätzlich verraten sie, was Passau als Standort interessant macht und geben Tipps für neue Start-ups.

Was macht Smartricity?

Sebastian Schmidt: Unser Unternehmen ist eine Plattform für Energieberatung in Privathaushalten. Wir zeigen auf unserer kostenlosen Website und auf unserer App wie viel Strom und somit Geld ein Haushalt sparen kann, indem er bei uns herausfinden kann, welche alten Geräte Stromfresser sind und gegen welche alternativen Geräte sie am besten ausgetauscht werden können. Außerdem zeigen wir, ab wann sich die Neuanschaffung durch die Stromersparnis ausgleicht.

Michael Hasler: Im Schnitt lassen sich so 25% der Stromkosten einsparen, was wiederum im Durchschnitt 350 Euro pro Jahr entspricht.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Sebastian Schmidt: Ich bin vor zwei Jahren im Zuge eines Masterseminars auf eine Studie aus Brighton gestoßen. Diese Studie hat gezeigt, dass die Anwohner einer Straße, welche den Stromverbrauch untereinander für einen Monat offengelegt haben, allein durch diesen Wettbewerb 15% weniger Strom verbraucht hatten. Wir haben dann im Team eine Idee ausgearbeitet, wie durch Wettbewerb und kleine Mini-Spiele zum Stromsparen animiert werden kann. Dies wollten wir kostenlos anbieten und hatten deswegen die Idee den Leuten zu zeigen „kauft neue sparsame Geräte“ und dafür bekommen wir eine Provision. Die Idee hat mir gefallen, aber es bestand immer das Problem den Gesamtstromverbrauch der einzelnen Geräte zu messen, ohne ständig in den Keller laufen zu müssen. Nach einem dreiviertel Jahr kam dann wie aus dem Nichts die Idee, dass dieses Problem durch Mathematik und Software gelöst werden könnte. Daraufhin habe ich ein Semester freigenommen, um weiter am Konzept zu arbeiten und mich auf Mitgründersuche zu begeben.

Michael Haser: Ich war mit Basti zeitgleich im Master. Damals habe ich noch ein Praktikum bei einer großen Beratung gemacht. Ich war immer schon in die Idee eingeweiht und als Basti mich dann gefragt hat „wollen wir’s nicht machen?“, habe ich nicht lange überlegen müssen.

Wie habt ihr dann euren dritten Mitgründer gefunden?

Sebastian Schmidt: Schnell haben wir realisiert, dass wir alleine so ein technisches Projekt ohne Programmier-Kenntnisse nicht stemmen können. Mit Sebastian Henneberg einem erfahrenen Informatiker haben wir unser wichtiges drittes Mitglied gefunden. Der hat uns BWL‘ern auch gleich gesagt, dass es ganz wichtig ist, dass wir auch Programmieren können. So lernten wir mit seiner Unterstützung programmieren. Die letzten anderthalb Jahre saßen wir jeden Tag daran das Programm aufzubauen.

Wie war es für euch Programmieren zu lernen?

Sebastian Schmidt: Hart natürlich, weil das zu Beginn eine ganz neue Welt war. Wir sind dann schnell reingekommen und es hat auch Spaß gemacht, es erschließen sich viele neue Möglichkeiten und man ist fasziniert was alles geht.

Wie seid ihr an die Daten über alte Elektrogeräte gekommen?

Sebastian Schmidt: Unsere Software findet aus verschiedensten Quellen komplett automatisiert Informationen zu Elektrogeräten. Besonders zu den alten Geräten, die sehr viel Strom verbrauchen, gibt es bis jetzt kaum Informationen im Internet. Diese Daten werden dann intelligent in unserer Datenbank zusammengeführt. Durch neu entwickelte stochastische Modelle können wir nicht nur fehlende Informationen bei Elektrogeräten berechnen, sondern auch Fehler in den Herstellerangaben erkennen. Unser Geräte-Katalog für die Kategorien Fernsehen, Waschen, Trocknen, Kochen und Kühlen gehört weltweit wahrscheinlich zu den größten.

Wichtig war es uns es für den Haushalt möglichst einfach zu machen, herauszufinden wie viel Strom verbraucht wird. Anhand von ein paar simplen Angaben wie z.B. dem Alter können wir statistisch sehr genau den Stromverbrauch eines Haushalts schätzen. Diese Angaben sind natürlich immer freiwillig, helfen aber Strom zu sparen.

Wie genau bekommt ihr Daten über fehlende Geräte?

Michael Haser: Erstmal mussten wir herausfinden, welche Ausstattungsmerkmale von Geräten wirklich signifikant für den Verbrauch sind. Und darauf werden statistische Modelle aufgebaut welche schätzen wie viel dieses Gerät verbraucht. Da sind wir mittlerweile sehr gut, die Abweichungen liegen bei durchschnittlichen Haushalten lediglich bei wenigen Euros im Jahr.

Wieso habt ihr in euch für den Standort Passau entschieden?

Sebastian Schmidt: Durch das Studium sind wir natürlich in erste Linie hier reingerutscht, haben dann aber auch schnell die Vorteile von Passau als Ort zu Gründen erkannt. Die kurzen Wege, die niedrigen Lebenserhaltungskosten, aber auch die schöne Stadt waren ausschlaggebend. Wir können hier viel testen ohne Angst zu haben gleich von Feedback oder Konkurrenten überschwemmt zu werden.

In den zwei Jahren, die wir jetzt schon beim Innkubator im Gründerumfeld sind merkt man wie das Netzwerk wächst und professioneller wird. Bei uns im Gang sind weitere Startups aus den Bereichen der Digitalisierung mit denen wir unser Wissen und unsere Erfahrungen teilen können.

Ist euer Geschäftsmodell eher die eigene Plattform oder eure Technologie bei anderen Unternehmen einzubauen?

Sebastian Schmidt: Ein wichtiger Faktor wird immer die Vision der Plattform sein, auf der sich jeder informieren kann und damit seinen Stromverbrauch senken kann. Trotzdem müssen wir uns auch finanziell solide aufstellen, deswegen haben wir bereits einen ersten Geschäftskunden gewonnen der unser Programm gegen eine jährliche Lizenzgebühr in seine eigene Plattform integriert.

Michael Haser: Wir wollen unsere Algorithmik und unsere Datenbank anderen zur Verfügung stellen. Für 2020 planen wir auch Energieberater zu unterstützen damit sie schneller und effektiver beraten können. Aber unser Hauptgeschäft bleibt unsere Plattform, hier ist uns wichtig, dass es eine Win-Win Situation für jeden ist. Der Nutzer erhält eine kostenlose Analyse seines Haushalts und erst wenn sich für ihn die Anschaffung eines Neugeräts lohnt und er sich zum Kauf entscheidet, erhalten wir vom Händler eine Provision. Dadurch entstehen keine Mehrkosten für den Käufer, das passiert zwischen uns und den Händlern.

Sebastian Schmidt: Um große Transparenz für den Verbraucher zu gewährleisten, werden wir bei dem nächsten Update knapp 20 Händler eingebunden haben.                   

Wie versucht ihr euer Produkt zu vermarkten?

Sebastian Schmidt: Abgesehen von kleineren Kampagnen wie Sticker oder dass wir in Passau der Person mit dem am meisten stromverbrauchenden Fernseher einen Neuen geschenkt haben, haben wir bis jetzt wenig Marketing betrieben. Wir werden sehr gut auf Google gefunden und bekommen dadurch auch stetig mehr Aufrufe.

Wie habt ihr es geschafft, dass man alle eurer gelisteten Geräte über Google finden kann?

Sebastian Schmidt: Ein Großteil dessen ist tatsächlich die gute Aufbereitung unsere Daten. Wir haben die ganzen Informationen auf einen gemeinsamen Nenner gebracht. In unserer Datenbank wird ein „QLed“ Fernseher gleich kategorisiert wie ein „UltraHD“ Fernseher da er die gleiche Technik verwendet. Wir haben alles auf einen Faktor gebracht und damit besser vergleichbar gemacht. Google scheint das zu belohnen.

Wer sind dann eure Konkurrenten?

Sebastian Schmidt: Die meisten großen Anbieter im Internet unterstützen nur beim Kauf von neuen Geräten. Die individuelle Energieberatung, die wir durch die vorhin genannten Modelle bieten ist aber einzigartig. Die meisten Besucher die wir derzeit bekommen sind Leute die ihre alten Geräte nachschlagen und dann über unsere Datenbank bei uns landen.

Wie finanziert ihr euer Startup bis jetzt?

Michael Haser: Zu Beginn haben wir alles erstmal aus privaten Ersparnissen finanziert. Im März 2018 wurde uns drei das Existenzgründer-Stipendium bewilligt, welches vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und vom Europäischen Sozialfond an besonders innovative Unternehmen vergeben wird. Dies sieht ein Jahresgehalt für jeden Gründer vor plus ein Budget für die Firma. Das läuft noch bis Ende Februar. Durch den neuen Partner, als auch eine Nebentätigkeit als IT Berater, können wir uns ab jetzt aus eigenen Umsätzen finanzieren.

Sebastian Schmidt: Dieses Stipendium lädt natürlich dazu ein, mal die Füße baumeln zu lassen. Wir haben immer geschaut, da wir anfangs aus Ersparnissen gelebt haben, dass wir nach dieser Anschubfinanzierung auf eigenen Beinen stehen. Mittlerweile haben wir auch ein sehr begabtes Team aus Werkstudenten, das wir aus dem Talentpool der Uni bezogen haben. Mittlerweile sind wir neun Leute im Team. Durch unsere Praktikanten und Werkstudenten können wir zum Beispiel Videos bearbeiten ohne eine Marketingagentur beauftragen zu müssen.

Wie sehen die Pläne für das nächste Jahr aus?

Sebastian Schmidt: In erster Linie natürlich weiter am Produkt arbeiten. Wir wollen die Benutzerfreundlichkeit, verbessern. Außerdem wollen wir auch mehr Kunden gewinnen die das Ganze in ihrer Seite einbauen.

Ihr habt ja mittlerweile zwei Jahre Erfahrung im Gründen. Was würdet ihr neuen Gründer raten?

Michael Haser: Es wird ein harter Weg, es dauert oft länger als man denkt, aber es macht einfach unfassbar viel Spaß an seinen eigenen Ideen zu arbeiten und diese zu verwirklichen. Ich gehe mit einer ganz anderen Freude jeden Tag ins Büro. Wichtig ist es auch, immer an seine Idee zu glauben. Am Anfang wird man viele Leute treffen, die nicht an die Idee glauben oder die sie für nicht umsetzbar halten. Man sollte sich regelmäßig selbst hinterfragen, bin ich noch auf den richtigen Weg oder bin ich mal falsch abgebogen?

Sebastian Schmidt: Wichtig ist es auch immer offen für Neues zu sein und sich auch Fehler einzugestehen. Wir haben unfassbar viel gelernt in den letzten Jahren.

Bild (von links nach rechts): die Smartricity-Gründer Sebastian Henneberg, Sebastian Schmidt und Michael Hasler. Die letzten beiden hat Valentin zum Interview getroffen.


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