Eine Rezension von Benedikt.


Ein Rap-Album mit Drogen, Waffen, dicken Autos und Nutten. Soweit, so bekannt. Die 187 Strassenbande fährt seit Jahren die gleiche inhaltliche Masche und hat damit massiven kommerziellen Erfolg, jüngst erschien das aktuellste Release der Rap-Crew aus der Hansestadt Hamburg, diesmal von Gzuz. Doch inwieweit kann das im Jahr 2018 noch schocken?

Nach mehrmonatiger Promophase inklusiver zweier Videoreleases auf dem amerikanischen YouTube-Channel „World Star Hip-Hop“ (WSHH) war es am vergangen Freitag nun endlich so weit: Gzuz kam mit seinem zweiten Soloalbum „Wolke 7“ um die Ecke. Dreizehn Titel zählt das Werk, von denen fünf schon vorher als Single-/Videoauskupplung, wie die angesprochenen WSHH-Releases, erschienen sind. Unterstützung hat sich Kristoffer Jonas Klauß von den 187er Bandenkollegen LX, Maxwell und Bonez MC geholt, zusätzlich mit an Bord sind Ufo361 und Trettmann, mit denen er bereits Hits geliefert und bewiesen hat, dass diese Kollaborationen funktionieren („Für die Gang“ bzw. „Knöcheltief“). Produziert wurde die LP hauptsächlich von The Cratez und teilweise RAF Camora. Keine großen Experimente also bei den Features, lediglich Jambeatz als Produzent fehlt im Vergleich zu den früheren Projekten und auch inhaltlich bleibt Gzuz seiner Schiene aus dem Vorgänger „Ebbe & Flut“ treu. Authentische Protokolle aus dem kriminellen Milieu in St. Pauli ziehen sich von Track eins bis dreizehn durch das Album, es wird mit Autos geprotzt, von der harten Vergangenheit erzählt und alle Frauen beleidigt, die nicht die eigene Mama sind („Man sagt, ich bin frauenverachtend / Aber Frauen sind Schlampen“). Alles schon gesehen, alles schon
gehört.

Das Album als inhaltlich dünn zu bezeichnen und Gzuz als intellektuell zurückgeblieben darzustellen oder gar das Schlagwort #metoo ins Gespräch zu bringen, wäre zwar ethisch und moralisch korrekt, aber zu einfach und wird dem Anspruch definitiv nicht gerecht, den man an diese Art von Musik stellen darf. Genau auf die Art von Kritik geht der 29-Jährige auch im Opener „¿Warum?“ mehr oder weniger argumentativ, aber ziemlich treffend, ein: „Sie fragen: ‚Gzuz, warum bist du nur so? / Warum immer diese Sachen, aber nix mit Niveau? / Warum dies? Warum das? Warum nicht einmal mit Message?‘ / Und ich denk’; mir nur, warum hältst du nicht einfach die Fresse?“

Die 187er und Gzuz insbesondere stehen wie kaum andere Künstler in Deutschland für straighten Rap von der Straße, Gangsterrap eben. Und wenn Gangsterrapper illegale Dinge tun, sexistisch und gewaltverherrlichend sind, dann ist das genau das, was der gemeine Konsument erwartet und hören möchte. Echo-würdig ist das Ganze natürlich nicht, aber der Echo und Deutschrap, das ist sowieso eine andere Baustelle. An diesen Maßstäben gemessen liefert „Wolke 7“ eine ideale Blaupause für das Genre, nicht mehr und nicht weniger. Die Beats sind makellos und zeitgemäß produziert ohne zu sehr in den (Afro-) Trap abzurutschen und bieten ein gutes Fundament für die markante Reibeisenstimme, mit der Gzuz seine Texte in gewohnter Routine spittet. Was hebt das Album nun aber vom Rest ab?

Da ist zum einen der sehr reflektierte Track neun, „Neuer Tag neues Drama“ in dem der volltätowierte Hüne fast schon zu bemitleiden ist und sehr offen preisgibt, was der Lifestyle, den man als Gangsterrapper eben so zu führen hat, am Ende des Tages so mit einem macht. Hier kommt er dann, entgegen der eigenen Aussage, doch einmal mit Message. „Die Taschen sind voll, doch ich fühle mich leer / Heute Spaß, morgen Kater / Neuer Tag, neues Drama“, heißt es in der Hook und auch Depressionen und seinen übermäßigen, schädlichen Drogenkonsum nennt Gzuz als einen Grund für seine innere Unzufriedenheit. Gerade in diesem Song kann man ein wenig erahnen, wieso das restliche Album so von Hass, Egoismus und Materialismus trieft. Als Ausgestoßener der Gesellschaft sucht er mit seinen Jungs seinen eigenen Weg, um Anerkennung und Statussymbole eben dieser zu bekommen und hat ihn im Gangsterimage gefunden, für das ihn abertausende Kids anhimmeln. Über seine Vorbildfunktion zu diskutieren, sei an dieser Stelle mal dahingestellt, dennoch ist er tief in seiner „Seele aus Stein“ eigentlich ein armer Kerl.

Zum anderen ist das Drumherum des Albums die Spitze dessen, was Gangsterrap in Deutschland zu bieten hat. Die Videos treiben alles, was man an visuellem Output kannte, noch ein Stück weiter und schocken insbesondere außerhalb des gewohnten Klientels der 187 Strassenbande. Dutzende „Reaction-Videos“ amerikanischer YouTuber auf die WSHH-Videos zeigen eindrucksvoll, wie sehr man als deutscher Rap-Fan abgestumpft von den Bildern ist, die tagtäglich auf einen einprasseln, sei es über die Social Media-Plattformen (allen voran Instagram-König Bonez) oder Videos anderer Rapper. Die fünfmonatige Promophase wurde Anfang Januar durch eine beeindruckende Aktion eingeleitet, bei der die Jungs 25 000 Deluxeboxen des Albums in einer leeren Fabrikhalle stapelten, die Seitenwände von Deutschlands und Europas Graffiti-Elite besprayen ließen und so 25.000 Unikate für die Fans schufen. Damit, dem (un-)freiwilligen, prolligen Auftritt bei einer Verkehrskontrolle, die durch ein Kamerateam des NDR gefilmt wurde und weiteren Aktionen war der Rapper Dauerthema in sämtlichen Hip-Hop Magazinen. Das größte Plus, dass Gzuz im Vergleich zu den meisten Kollegen vorzuweisen hat, ist die sogenannte Realness, ein nicht zu vernachlässigender Faktor im Hip-Hop. Ihm, der knappe drei Jahre wegen räuberischen Diebstahls in Haft verbracht hat und sich ganz und gar unangepasst gibt, kauft man die Straßengeschichten ab, mit Aktionen wie den besprühten Boxen und der Freundschaft zu den Leuten, mit denen man schon vor zehn Jahren Streetball im Park gespielt hat, schafft er sich Glaubhaftigkeit und würdigt die Wurzeln des Hip-Hop.

Kommerziell wird das Album sicherlich Erfolg haben, zu groß ist der Hype, den die 187er in den vergangenen Jahren unter den (minderjährigen) Rap-Enthusiasten in Deutschland aufgebaut haben und zu solide ist die Performance, die Gzuz abliefert. Bahnbrechende Neuerungen sucht man allerdings vergeblich, als größte Hits dürften sich „Drück Drück“ und „¿Was hast du gedacht?“ etablieren, Ohrwürmer oder Club-Banger gibt es trotz Trettmann, Ufo und Bonez keine. Unterm Strich ein Gangsterrap-Album das ohne große Schwächen auskommt und am Ende des Tages lediglich die Frage aufwirft, wann das Ende der Fahnenstange des prolligen Raps erreicht sein wird. 2018 ist noch zu früh dafür, die Masche der 187er funktioniert weiterhin, die Masse scheint „Niemals satt“.

 


Campus Crew Passau

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