Gott, ein Eigentor

von am 20.06.2021

Das erste Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft bei der diesjährigen EM ist absolviert. Der Start lief leider enttäuschen und so bleibt nur zu hoffen, dass es heute Abend endlich was zu jubeln gibt. CampusCrew-Autor Nicolas Kostic hat das Spiel gegen Frankreich für euch analysiert.

 

Als die deutsche Nationalmannschaft Anfang der Woche in München eingetroffen war, dem Spielort ihres EM-Auftaktspiels gegen Frankreich, nahm Mats Hummels dies zum Anlass, ein Bild auf seinem Instagram Account zu posten und schrieb darunter: „Wir sind in München angekommen, Gott habe ich Bock auf dieses Spiel.“ Joachim Löw hatte ihn vor der EM zusammen mit Thomas Müller in den Kader zurückgeholt, nachdem beide seit Herbst 2018 nicht mehr berücksichtigt wurden.

„Mach’s wie 2014!“

Im Viertelfinale bei der WM 2014 in Brasilien gegen Frankreich köpfte damals eben jener Mats Hummels mit dem einzigen Treffer des Tages in ein Halbfinale für die Ewigkeit. Ein User kommentierte unter dem neuesten Post von Hummels also: „Mach’s wie 2014!“, ein Szenario, das wahrscheinlich sogar Hummels selbst für ein wenig zu kitschig empfunden hätte. In der 20. Spielminute am Dienstagabend sehnte er sich allerdings höchstwahrscheinlich nach dem heiligen Rasen des Maracana in Rio de Janeiro. Was war passiert? Nach einem Einwurf auf der rechten Seite hebelte Paul Pogba mit einem Pass die gesamte deutsche Abwehr aus, von links kommend flankte Bayern-Spieler Lucas Hernandez den Ball scharf rein und dann sprang der Ball von Hummels Schienbein ins eigene Tor. Kylian Mbappé, welcher rechts neben ihm einschussbereit stand, hätte wohl selbst kaum schöner vollstrecken können, so wie der Ball im links oben im Winkel einschlug.

Mit dem Rücken zur Wand

Das erste deutsche Eigentor überhaupt bei einer EM besiegelte zudem auch gleich die Niederlage im ersten Spiel. Kein Tor von Mbappé, keines von Antoine Griezmann und keines von Karim Benzema, das dürften wohl nur wenige Mannschaften bei dieser EM hinkriegen und doch stehen am Ende null Punkte. Vor dem Spiel gegen Portugal am Samstag stehen die Deutschen damit bereits mit dem Rücken zur Wand.

Die Mannschaft muss durch die Hölle gehen

Als das Spiel losging, ahnte man ein wenig, ahnte man zunächst, was Joachim Löw im Vorfeld damit meinte, als er sagte, dass seine Mannschaft „durch die Hölle“ gehen müsse. Toni Kross jagte den Franzosen mit einer von ihm selten zur Schau gestellten Körperlichkeit im Mittelfeld die Bälle ab und vorne setzte Mats Hummels in der vierten Minute mit einem Kopfball auf das französische (!) Tor ein erstes Offensivzeichen. Kurz vor der Halbzeit schlich sich zudem auch noch Antonio Rüdiger von hinten an Paul Pogba ran, um ihm ein wenig am Rücken zu knabbern.

Torchancen sind Mangelware

Nach einer Viertelstunde legten die Franzosen ihre Vorsicht ab und starteten die ersten Angriffe auf das Tor von Manuel Neuer. Pogba scheiterte mit einem Kopfball über die Latte und Mbabbe an den Fäusten des deutschen Welttorhüters. Kurz danach der folgenschwere Angriff und am Ende einer langen Fehlerkette stand eben Unglücksrabe Hummels. Ein Fehler in dieser Kette war der große Abstand von Joshua Kimmich zu Flankengeber Hernandez. Seit Wochen drehten sich die Diskussionen in der Republik nur noch um die Frage, wo Löw eben jenen Joshua Kimmich den nun aufbieten würde. Die Antwort: Auf der rechten Außenbahn, wo seine Energie ein wenig verpuffte, die es in der Zentrale womöglich gebraucht hätte, um ein paar Torchancen zu kreieren. Torchancen von Deutschland waren nämlich Mangelware. Zwar hatte man viel Spielkontrolle, allerdings meistens in Räumen, in denen man Frankreich nicht wirklich weh tun konnte, dafür stand die Elf von Didier Dechamps schlichtweg zu stabil, eine Eigenschaft, mit der man sich in Russland vor zwei Jahren zum Weltmeister krönte.

Das Schlimmste verhindern

Nennenswerte Chancen der deutschen Elf waren ein Kopfball von Rückkehrer Thomas Müller (22.) nach einer Flanke von Robin Gosens, der gemeinsam mit Kimmich die Außenverteidigung bildete, dem es aber offensiv mindestens genauso an Durchschlagskraft fehlte. Die beste Chance hatte wohl Serge Gnabry, der mit einer Direktabnahme (54.), das Tor knapp verfehlte. Es zeichnete sich also ab, dass die Deutschen zwar hinten das Schlimmste verhindern konnten (abgesehen von zwei Abseitstreffern durch Benzema und Mbappe), dass sie vorne aber zu starr und ideenlos waren.

Frankreich sollte kein Gradmesser sein

Allerdings bleibt festzuhalten, dass Frankreich auch nicht der Gradmesser für die deutsche Mannschaft bei diesem Turnier darstellen sollte. Die Franzosen sind dafür mit zu viel individueller Klasse bestückt und die Deutschen haben dafür in den letzten drei Jahren viel zu sehr enttäuscht. Im Spiel gegen Portugal wird sich zeigen, wo diese Mannschaft steht. Es dürfte erneut ein enges Spiel werden, dass womöglich wieder mit einer einzigen Aktion entschieden wird. Ausscheiden oder Weiterkommen! Alles oder nichts! Gott, haben wir Bock auf dieses Spiel am Samstag.


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