Gebt mir bitte etwas Zeit!

von am 04.01.2017

Time – He flexes like a whore

Falls wanking to the floor

“Time” von David Bowie

Irgendwann in den letzten Jahren hat es sich wohl eingebürgert, daß guter Journalismus sehr objektiv sein soll. Im Zuge der Lügenpresse-Skandierungen wird der Ruf nach einem ehrlicheren und noch objektiveren Journalismus lauter.

Wenn es um Berichte und Meldungen geht, gilt es für Journalisten natürlich objektiv die Fakten auf den Tisch zu legen. Alles was man zu einem bestimmten Zeitpunkt sicher weiß, muß in der Berichterstattung vorkommen. Keine Mutmaßungen, kein gemurmeltes “vielleicht”, kein geflüstertes “eventuell”. Zu Hochzeiten der Printmedien war dies auch weniger ein Problem: Tageszeitungen hatten immerhin mehrere Stunden Zeit um die aktuellen Ereignisse richtig aufzubereiten und zu recherchieren. Wöchentliche Magazine wie Stern und Spiegel sogar mehrere Tage mZeit, um dementsprechend längere und detailliertere Beiträge zu erstellen. Mit dem Journalismus ist es wie mit dem Wein: Je mehr Zeit, desto besser das Ergebnis. Der Journalist reift mit der Zeit und mit dem Thema.

In Zeiten des Push-Notification Journalismus fehlt den Journalisten aber genau diese Zeit. Die Nachfrage bestimmt das Angebot und diese besteht aus schneller Informationsweitergabe, auch wenn diese Informationen sehr vage und ungenau sind. Das ist natürlich alles nicht neu und wurde schon tausendmal vorher gesagt, ist jedoch die Grundvoraussetzung um zu verstehen, warum Journalisten im Kreuzfeuer der Kritik stehen.

Wer Interesse hat zu sehen, wie sich Ereignisse überschlagen können und wie Journalisten darauf reagieren, was der Unterschied zwischen Push-Notification Journalismus und konservativem Journalismus ist, dem lege ich Archivaufnahmen vom 11. September ans Herz. Die amerikanischen Sender sind live dabei, als das zweite Flugzeug in den Turm rast. Die Journalisten on air reagieren geschockt und dennoch souverän, schließen einen Unfall, über den vorher noch spekuliert wurde, langsam aus. Fünf Stunden später im ZDF wird das Ausmaß deutlicher: Eine Zusammenfassung der Anschläge, die Reaktionen der deutschen Politiker, Auswirkungen auf den Nahost-Konflikt und die Reaktion der Börse. Zwischen Instant-Nachricht und Magazinsendung liegen nur fünf Stunden.

Was hat dies alles mit der Objektivität des Journalismus zu tun? Auf den ersten Blick nicht allzu viel. Bei genauerer Betrachtung eine ganze Menge. Wie bereits erwähnt, reift der Journalist mit der Zeit und mit dem Thema, das heißt konkret: Er bekommt Eindrücke und Einblicke, versucht Zusammenhänge zu verstehen, um diese dann faktisch richtig wiederzugeben und, je nach Textsorte und Intention, auch subjektiv zu bewerten. Er verfälscht jedoch keine Statistiken, damit diese in sein Weltbild passen. Er hält sich an den Pressecodex. Er verschweigt auch nichts relevantes, das ihm bekannt ist. Er braucht eben nur Zeit, so viele Informationen wie möglich zu sammeln, zu verstehen und zu kontextualisieren. Erst dann ist gewährleistet, daß die Daten, Zahlen und Fakten stimmen und der Journalist diese richtig bewerten kann. Er erklärt als Experte und klärt als solcher auf, auch wenn seine Bewertungen und Beobachtungen nicht unbedingt meine eigenen widerspiegeln. Manchmal muß man sich eben auch als Rezipient die Zeit nehmen, die Argumentation anderer Meinung zu verstehen.


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