Die verlorene Ehre des Deniz Yücel

von am 17.02.2018

Deniz Yücel ist frei! Endlich! Die Freilassung des WELT-Korrespondenten war lange überfällig, denn kritische Journalisten gehören nicht in Gefängnisse, schon überhaupt nicht ohne Anklageschrift. Während der empathische Teil unserer Gesellschaft bei dem Bild von Yücel und seiner Frau Dilek zu Tränen gerührt war, nutzte es die „Wir sind das Volk“ fauchende Seite für persönliche Angriffe oder übelste Hetze.

In einer Zeit, in der Medien der Lügen bezichtigt werden und mehr denn je alternative Wahrheiten wichtiger sind als Fakten, wird die Verlogenheit der rechten Medienkritik im Falle Deniz Yücel immer deutlicher. Über die ideologischen Grenzen hinweg hat sich die deutsche Medienlandschaft größtenteils mit der WELT solidarisiert und #FreeDeniz gefordert. Ein Zeichen dafür, dass man trotz Wettbewerb, trotz Meinungsverschiedenheiten bei dieser Sache klar ein Zeichen setzen muß. Das ist der anderen Seite aber egal. Dass die völkischen Nationalisten Probleme mit einem deutsch-türkischen Journalisten und Satiriker haben, der Sätze wie „Der baldige Abgang der Deutschen ist Völkersterben von seiner schönsten Seite. Mit den Deutschen gehen nur Dinge verloren, die keiner vermissen wird.“ schreibt, ist keine große Überraschung. Doch was sagt uns das über den „Journalismus“, den diese Leute auch als solchen anerkennen?

Nun prinzipiell haben sie nichts dagegen, daß man Journalisten hinter Gittern sperrt. Unlängst mußte ich das Argument hören, daß es nicht gut sei, daß Yücel freikommt, weil er „nicht sympathisch“ sei und seine Texte nicht gefallen. Wenn persönliche Sympathien und journalistischer Stil Kategorien dafür sind, ob jemand ins Gefängnis muß, dem kann man jegliches Demokratieverständnis absprechen. In dem Unterton war herauszulesen: So einer wie er braucht sich nicht wundern, daß er für seine Texte eingesperrt wird. Yücel wird Hetze vorgeworfen, weil er als „Ausländer“ angeblich Deutschland hasse. Und mit Hetze kennen sich diese Leute ja bestens aus.

In einem Land, in dem Pegida und AfD das Ruder übernehmen würden, säße ein Deniz Yücel ebenso im Gefängnis wie im Land des Autokraten Erdoğan. Wer, frei nach Jörg Meuthen (AfD), hofft, daß Yücel in seiner einjährigen Haft zur Besinnung gekommen sei, dem steht es schlichtweg nicht zu, Journalismus, die Presse oder die Medien in irgendeiner Form auch nur zu beanstanden. Für die bloße Ausübung ihres Berufes dürfen sie nicht wegsperrt werden. Journalisten gehören nicht ins Gefängnis, sondern raus in die Welt. Ihnen dürfen keine Maulkörbe angelegt werden – ihnen müssen Megaphone in die Hand gedrückt werden. #DenizFree und #FreeThemAll!


Kommentare
  1. Linker   On   05.03.2018 at 19:54

    Einen unkritischeren Bericht habe ich selten gelesen. Der linke Mainstream von jetzt ist vergleichbar dem braunen Mainstream des 3. Reichs. Ich dachte immer, die Menschen hätten aus den damaligen Fehlern gelernt.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .


Weiterlesen

Campus Crew Passau

Jetzt läuft
TITLE
ARTIST