Die Toten Hosen “Alles ohne Strom” – Ist das noch Punkrock?

von am 28.12.2019

Eine Rezension von Niklas Hesse.

Die Toten Hosen veröffentlichen neues Akustik-Album – und scheinen dabei ihre Wurzeln zu verlassen. Unser Autor hat sich durch “Alles ohne Strom” durchgehört.

Wenn man an die Toten Hosen denkt, dann fällt einem wahrscheinlich zuerst die Punkrockmusik ein, mit denen die Düsseldorfer als in diesem Genre erfolgreichste deutsche Band ihre Fans begeistern. Doch genau von dieser Musik entfernen sich die Jungs um Frontmann Campino scheinbar nun immer mehr. Dabei ist es erst sieben Jahre her, dass die “Hosen” mit ihrem Album Ballast der Republik und der bis auf Platz eins der deutschen Charts vorstoßenden Hitsingle Tage wie diese ihren bis dahin größten kommerziellen Erfolg landeten und dafür bundesweit viel Anerkennung erhielten.

Eigenes Bier, Tour, Auftritt bei #wirsindmehr

Seit diesem Höhepunkt ging allerdings musikalisch nicht mehr viel. Stattdessen engagierte die Band sich mit Konzerten bei Pegida-Gegendemonstrationen beim Kampf gegen rechten Extremismus, brachte ihre eigene Biermarke “Hosen Hell” auf den Markt und ging vor allem oft auf Tour. 2017 erschien dann mit Laune der Natur ein neues Studioalbum, welches als solide bezeichnet werden kann, aber nichts Besonderes in sich trägt. Nun versuchen sich die Rheinstädter als Big Band mit mehreren Gastmusikern unter dem Motto “Alles ohne Strom”, also alles rein akustisch. Dafür spielten die Toten Hosen an zwei Tagen hintereinander in der Düsseldorfer Tonhalle und ließen die beiden Konzerte aufnehmen und abfilmen. Auf der Setlist standen neben altbekannten Hosensongs wie Paradies, Hier kommt Alex und Tage wie diese auch Coverversionen von Rammstein, den Foo Fighters und Funny van Dannen sowie ein paar neue Kompositionen der Band – klingt eigentlich ganz vielversprechend.

Viele Lieder funktionieren nur mit E-Gitarren und Verstärker

Jedoch wird schon beim Intro – Entschuldigung, es tut mir leid! – das Problem klar: Viele Lieder der Düsseldorfer funktionieren nur mit E-Gitarren und Verstärkern. Ohne wirken ihre Songs zu brav, nicht hart und aggressiv genug. Trotzdem sind die nächsten drei Stücke dann doch wieder gut umgesetzt, was aber auch daran liegen mag, dass sie schon im Original ziemlich aggressiv klingen. Das ist der Moment schwächelt dann aber doch wieder etwas stärker, während Kamikaze, ein neuer Song, aufgrund seiner ruhigen Art gut mit dem Akustikensemble harmoniert. Nach dem solide umgesetzten Ein guter Tag zum Fliegen folgt die Coverversion des Rammstein-Songs Ohne dich. Wer Rammstein kennt, weiß, dass ihre Werke oft übertrieben aggressiv sind und bei anderen Bands diese Härte nicht nötig hätten. Genau darauf setzen die Toten Hosen, sodass eine melodisch sehr gute Version entsteht. Allerdings wird klar, dass Campino, der sich früher auf Albumcovern als Rostkehlchen bezeichnete, stimmlich weniger draufhat als Rammstein-Sänger Till Lindemann. Deshalb ist auch diese Version zwar akzeptabel, aber keinesfalls überragend.

 

Schwerelos berichtet vom Schicksal einer KZ-Überlebenden, deren Geschichte angemessen leise und zurückhaltend vertont wird, Altes Fieber fehlt dann wiederum die nötige Aggressivität. Die nächste Coverversion, Politische Lieder von Funny van Dannen, ist zwar humorvoll und amüsant gestaltet, hat aber mit Punkrock eigentlich nichts zu tun. Überzeugend wirkt dann jedoch die Version von 1000 gute Gründe, während Everlong von den Foo Fighters wieder zu brav und unentschlossen umgesetzt wird.

Toten Hosen Akkustik: zu lasch und verloren

Bei den restlichen Songs wird dann noch deutlicher, was sich wie ein roter Faden durch das ganze Album zieht: Die alten Lieder wirken “ohne Strom” lasch und einzig Campino erinnert durch seine laute, durchdringende Stimme an die frühere Härte, wirkt ohne Verstärker und E-Gitarren aber auch etwas verloren. In dieser Form kann man nicht mal mehr Hits wie Tage wie diese genießen.

Deutschlands Punkband Nummer 1 – beim nächsten Album?

Die neuen Lieder Sorgenbrecher und Feiern im Regen sind gute Lieder, unter der Voraussetzung, dass die Toten Hosen eine Pop-Rock-Band sind. Sind sie aber nicht, und deshalb sind die neuen Songs zu soft. Vor allem fragt man sich, wieso Feiern im Regen als erste Singleauskopplung veröffentlicht wurde. Ein wirklich guter Song, der es locker auf ein Album schaffen könnte – von Revolverheld, wohlgemerkt. Mit dieser Single als Aushängeschild des Albums wirkt die Band auf Außenstehende, als könne sie keinen Punk mehr – was natürlich totaler Unsinn ist. Man hat auch in der näheren Vergangenheit oft genug gesehen, dass die Toten Hosen ihre alten Prinzipien noch lange nicht verlassen haben, und spätestens beim nächsten Studioalbum werden sie wieder allen zeigen, dass sie Deutschlands Punkband Nummer eins sind. Nur die Akustikschiene sollten sie in Zukunft lieber nicht mehr fahren…


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