Die Rettung aus Reutlingen

von am 27.03.2019

Melancholische Texte treffen musikalische Vielfalt: Rapper und Sänger Tua veröffentlicht sein zweites Album

Eine Kritik von Benedikt.

Deutschrap im März 2019: Wöchentlich Chartrekorde, „Cherry Lady“ taucht aus seiner verdienten Versenkung auf und es geht mit mindestens fünf Ringen um höher, schneller, protziger. Mitten in die Bling-Bling-Klickmillionen kommt ein Reutlinger Rapper und Produzent mit dem selbstbetitelten Album „Tua“ und zeigt, dass es auch anders geht. Warum das am Freitag erschienene Album so besonders ist und was Ernest Hemingway damit zu tun hat.

Tua, bürgerlich Johannes Bruhns, ist einer dieser Künstler, die sich meist selbst im Weg stehen und ihr eigentliches Potential nie wirklich ausnutzen. Nachdem sein Debütalbum „Grau“ vor zehn Jahren erschien, wurde er mit Casper, Marteria und Prinz Pi zur Rettung des deutschen Rap auserkoren. Während die drei bis heute zu den prägendsten Vertretern ihres Genres zählen, kamen von Tua kleine Projekte und die Mitgliedschaft in der Spaß-Truppe „Die Orsons“, doch nichts mit Hand und Fuß.

Das aktuelle Album hat beides und vielleicht sogar das Zeug, um in ein paar Jahren als Meisterwerk zu gelten. Doch vor der Skyline kommt die „Vorstadt“, der erste Song des Albums. Hier reflektiert Tua seine Heimat und Freunde, die auf die schiefe Bahn geraten, während sich sein Leben in eine andere Richtung bewegt:

“Die Hälfte von uns im Knast, plötzlich war es dunkel nachts/ Paar haben umgedacht, paar tragen Kutten jetzt“.

Auch die Musik entwickelt sich, vom 90er Jahre Beat über die Dipset-Einflüsse der 2000er bis zu zeitgemäßen Klängen. Passend zum 90er-Sound streut Afrob eine Zeile ein, Bausa macht das gleiche am Ende für die neue Generation. Mit „FFDW“ folgt eine Hedonismus-Hymne, an die sich der Blick auf den Tag danach anschließt („Ich von morgen“). Zwei Songs die den Moment leben und mit ihrer Energie und elektronischen Einflüssen durchfeierte Nächte einfangen.

Kumpel im Knast, Freundin weg und dann stirbt auch noch der Vater…

„Bruder II“ ist die Fortsetzung von „Bruder“ zehn Jahre später. Es geht immer noch um einen guten Freund, der nicht vom kriminellen Milieu wegkommt. Während Tua im ersten Anlauf mit mahnendem Zeigefinger und gutem Rat versuchte, die Situation zu retten, hat der heutige Tua aufgegeben und erinnert sich wehmütig an die alten Zeiten. Das Drum ’n‘ Bass-Fundament löst sich in eine orientalische Violinen-Begleitung auf. Dem verlorenen Freund folgt die verlorene Freundin in „Wem mach ich was vor“. Ein radiotauglicher Popsong über eine Beziehung, die zwar vorbei, aber noch nicht vorbei ist.

Tua konnte seit „Grau“ nie ganz sein Potential entfalten, warum das so ist, lässt „Gloria“ erahnen. Es geht um Hassliebe zu einer Frau (oder zum Ruhm?). Ängste und Selbstzweifel lassen ihn nicht von ihr loskommen, sondern er zerstört sich selber auf der Suche nach der Erlösung. Der siebenminütige Song und der Kampf erinnern an Hemingways Santiago und den Marlin, was Tua via Facebook bestätigt: „Mein ‘Der alte Mann und das Meer’, wenn man so will“.

Der Tod des eigenen Vaters inspiriert zum besten Song des Albums, „Vater“ der tief aus Tuas Herzen kommt und wunderbar traurig ist. Die Atmosphäre wird noch eindringlicher dadurch, dass Tua die Geräusche der lebenserhaltenden Beatmungsgeräte als Instrumente einsetzt. Das Video dazu bildet diese Stimmung sehr treffend ab und ist, wie das gesamte Artwork zum Album, in Schwarz-Weiß gehalten.

Wie kommt man nun aus dieser Schwermut raus? „Wir steigen auf/ Wie Luft im Wasser/ Brechen wie Licht/ Wechseln die Formen“, singt Tua in „Tiefblau“ mit Kopfstimme über ein blubberndes, atmosphärisches Instrumental. So gelingt ein Übergang in den leichteren, letzten Teil des Albums, auf dem auch musikalisch weiter fleißig alle Register gezogen werden. Eine ukrainische Band darf noch als Featuregast auftreten, doch bevor der Sound zu sehr in experimentelle Sphären abdriftet, holt Tua den Hörer auf „Dana“ mit einem tanzbaren Popsong zurück.

Das letzte Lied heißt „Wenn ich gehen muss“ und schlägt versöhnlichere Gitarrenklänge an. Tua macht sich Gedanken über sein Vermächtnis:

„Wenn ich gehen muss, werde ich in der Sonne sein, Im Nebel und im Regen/ Dort, wo ihr nach mir schaut, dort könnt ihr mich sehen“.

Das hat nicht nur etwas Spirituelles, sondern bildet mit seiner Ruhe auch einen Abschluss für die vergangenen 47 Minuten einer emotionalen und musikalischen Achterbahnfahrt.

Tua wird zum zweiten Mal nach 2009 zur Rettung für den deutschen Rap. Damals vom Boden in die Charts und heute von den Charts auf den Boden.

Erschienen bei Chimperator, erhältlich auf CD ca. 16€ und auf allen gängigen Streamingportalen.

Foto: Jaro Suffner


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