Die bayerische Sozialdemokratie und der Freistaat Bayern

von am 28.03.2018

Daß ausgerechnet die Bayern-SPD die Gründung des Freistaat Bayerns vor 100 Jahren als ihren Verdienst feiert, ist mehr als nur die schlechte Pointe zu einem noch schlechteren Witz. Es handelt sich strenggenommen um Geschichtsfälschung.

Als die Münchner Arbeiterschaft sich Ende Januar 1918 zu groß angelegten Streikaktionen organisierten um gegen den Krieg und den Obrigkeitsstaat zu demonstrieren, wurde dieser von den gemäßigten Mehrheitssozialdemokraten („MSPD“) sowie den offiziellen Gewerkschaften nicht unterstützt. Stattdessen wurde mit allen Mitteln versucht, den Streik abzuschwächen oder gar zu sabotieren. Dafür werden sie in einem internen Bericht des Kriegsministeriums gelobt. Seit Gründung der SPD gab es Streitigkeiten über die politische Ausrichtung der Partei, doch spätestens seit dem 4. August 1914 und der Zustimmung der Sozialdemokraten zu den Kriegskrediten, und damit defacto dem Kriegseintritt, begann die langsame Spaltung der SPD. Zum Ende des Krieges waren es die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), die sich eindeutig gegen den Krieg positionierten und auf einen Verständigungsfrieden drängten. Während zwar Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die vielleicht prominentesten Köpfe des linksradikalen Flügels, ihr Zentrum in Berlin hatten, war der Zulauf der USPD gerade im katholisch-konservativen München groß. Dies führte schließlich zu der großen Friedenskundgebung auf der Münchner Theresienwiese am 7. November 1918, auf der verschiedene Redner von MSPD und USPD sprachen. Nachdem sich ein Teil des Demonstrationszuges um Kurt Eisner (USPD) abspaltete, besetzten sie unter anderem das Regierungsgebäude. Am nächsten Tag rief Eisner den „Freien Volksstaat Bayern“ aus, schaffte die Wittelsbacher-Monarchie ab und gründete damit den Freistaat Bayern. Anschließend wurden nach sowjetischem Vorbild Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte aufgestellt. Die Gründung des Freistaats war somit das Verdienst der unabhängigen Sozialdemokraten, Anarchisten, Kommunisten und Sozialisten.

Auch wenn die Terminologie verwirrend ist, wirft die Bayern-SPD hier ihre politischen Wurzeln durcheinander. Zwar gehörten den ersten Räten die gemäßigten Sozialdemokraten an, doch versuchten sie in den Monaten vor der Revolution selbige zum Scheitern zu bringen. Dazu paktierten sie mit der Obrigkeit, der Polizei und rechten Freikorps. Schließlich war es auch die SPD unter Ebert, die bei den von der USPD organisierten Januarstreiks 1919 in Berlin anordnete, Militärs einzusetzen, die auf die streikenden Arbeiter schossen. Die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg ist zudem auch eine indirekte Folge des sozialdemokratischen Kuschelkurses mit der politischen Rechten. Außerdem darf die USPD nicht als Teil der SPD gesehen werden; politisch trennten sie Welten. Das begann bei der Frage des politischen Systems (parlamentarische Republik vs. Räterepublik), und endet bei der Frage nach Nationalismus und Internationalismus. Schließlich wurde aus der USPD am 01. Januar 1919 die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Tatsache ist, daß sich die revolutionären Kräfte von der Sozialdemokratie verraten fühlten. Nach einer der vielen Verhaftungen von Kurt Eisners schreibt der bayerischer Kronprinz Rupprecht in seinem Kriegstagebuch fest:

In München waren es sozialdemokratische Führer, welche anlässlich des letzten Demonstrationsstreiks die Aufwiegler, meist halbwüchsige Burschen, der Obrigkeit angaben, indem sie deren Verhaftung beantragten, da so am ehesten Ruhe geschaffen werden könne.

Daß nun die gemäßigten Sozialdemokraten der Bayern-SPD das Erbe der revolutionären Kräfte für sich beanspruchen und die Gründung des Freistaats als ihre Leistung feiern, stellt somit nichts anderes als eine eigennützige Umschreibung der Geschichte dar.

 

Literaturhinweis:

Schaupp, Simon: Der kurze Frühling der Räterepublik. Ein Tagebuch der bayerischen Revolution. Unrast-Verlag, Münster 2017. 19.80 Euro.


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