Der erste Kuss war mit dem Asphalt

von am 01.12.2018

Eine Rezension von Peter.

Spätestens mit seinem vierten Album als Blood Orange „Negro Swan“zeigt Devonté Hynes eindrucksvoll, dass er einer der vielfältigsten und interessantesten Künstler des derzeitigen R’n’B ist. So versetzt er sich auf dem Album in die Situation von Menschen, die ein Opfer gesellschaftlicher Normen und staatlicher Oppression wurden. Der Wahl-New Yorker bezieht sich hierbei viel auf seine eigene Lebensgeschichte – die eines queer auftretenden Andersfarbigen, der sich nicht richtig verstanden fühlt in einer von weißen alten Männern geprägten Gesellschaft.

Aufgewachsen im gefährlichen Osten Londons kam es nicht selten vor, dass „Dev“ mit den Problemen von mangelnder Integration und Kulturunterschieden zu kämpfen hatte. Bereits im Opener Orlando, das auf das Massaker am 12. Juni 2016 in der gleichnamigen Stadt anspielt, beschäftigt er sich mit dem Gefühl und der Angst, die er als Junge hatte, wenn er in die Schule ging. Selbst auf einem funkigen Gitarrenbeat können Zeilen wie „To feel so numb that it’s deafening, walls’ll give in/ After school, sucker punched down/ Down and Out/ First kiss was the floor, First kiss was the floor“ nicht lügen.

Doch neben Passagen wie diesen oder Songs wie Dagenham Dream, eine Kombination aus Polizeisirenen mit düsteren Drums und eine Anlehnung an Dagenham, einem der gefährlichsten Viertel Londons, findet sich auf dem Album auch durchgehend eine Hoffnung. Diese trägt Blood Orange und er vertont sie mit seiner sehnsüchtigen Stimme authentisch. So beschreibt er in Family die Bedeutung von Zusammenhalt innerhalb einer abgegrenzten Community, die einen Ort der Toleranz und Akzeptanz für Ihn bedeuten.

Als Erzählerin führt die amerikanische Transgender-Aktivistin Janet Mock durch das Album. In kleinen „Skits“ geht sie auf die Situation von Minderheiten in einer Gesellschaft ein, die wenig Platz für Querdenker hat.

So auch vor dem Song Jewelry und im zugehörigen Video: „So, like, my favorite images are the ones where someone who isn’t supposed to be there who’s like in a space, a space where
we were not ever welcomed in, where we were not invited yet we walk in and we show all the way up“

 

 

Auch wenn wohl keiner der Songs seinen Weg ins Mainstream Radio finden wird, lassen sich auf der Platte durchaus Songs mit Hit-Potenzial entdecken. Der raue Hip-Hop Beat und der für „Dev“ bekannte, männlich-weibliche Doppelgesang von Saint schließen noch am ehesten am frischen urbanen Vibe vom vorhergehenden Album Freetown Sound an. Auf Charocal Baby kommt eben diese Stimme besonders zur Geltung wenn sie im Refrain „No one wants to be the negro swan“ klagt. Niemand will der schwarze Schwan sein. Niemand will der Außenseiter sein. Genau diese Message ist es, die dieses Album transportiert will.

 

 

Die Gastauftritte von Negro Swan halten sich bewusst im Hintergrund. So rappt A$AP Rocky gewohnt lässig über verschiedene Arten von Kaugummi auf dem trappigem Beat von Chewing Gum. Und auch der sonst nicht als introvertierte Persönlichkeit bekannte P. Diddy zeigt auf Hope eher eine ungewöhnlich verletzliche Seite.

In Smoke findet nicht nur das Album, sondern auch der Künstler selbst zu seinem eigenen Selbstermächtnis. Nicht nur „Pretty woke, I’m pretty as fuck“ zeigen wie sich hier der Rauch von Selbstzweifel und Komplexen auflöst und die Sonne sein Herz flutet („The Sun comes in, my heart fulfills within“)

Das Werk verlangt seinen Zuhörern doch einiges an Zeit zum Verständnis ab. Das liegt aber wohl auch an der Symbiose von Message und musikalischer Gestaltung, die dieses Werk definitiv zu einem – wenn nicht zu DEM – Neo-Soul Album des Jahres machen.

 

 

 

Bild: https://www.musikexpress.de/wp-content/uploads/2018/08/20/16/bo_negroswan_packshot_19jun_4096.jpeg


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