Denn Insekten sterben leise

von am 05.02.2019

Wer kennt es nicht noch von früher, das Säubern der Windschutzscheibe nach einer Fahrt übers Land. Insekten. Große, Kleine. Die komplette Scheibe war voll zerplatzter Tierchen.

Heutzutage bleibt sie meist sauber – vielleicht findet dort noch ein verirrtes, unglückliches Insekt seinen Tod, aber das ist selten geworden. Was den Menschen auf den ersten Blick wie ein Segen erscheint, ist auf den zweiten eigentlich ein Fluch. Denn es ist das alltäglichste Beispiel, das den starken Insektenrückgang in den letzten Jahren zeigt.

Günter Kunkel, Vorsitzender des Imkerzuchtvereins Passau ist Unterstützer des Volksbegehrens. In diesem geht um den Schutz der Bienen und um den Schutz der Artenvielfalt. Jeder ist dazu aufgerufen, vom 31. Januar bis zum 13. Februar im Rathaus seine Unterschrift dafür abzugeben. „Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, denn da wird versucht, eine Biotopvernetzung herzustellen. Das ist nicht nur für die Honigbienen wichtig, sondern auch für Wildbienen, Schmetterlinge, für die gesamte Biodiversität. Denn wenn wir zwar einzelne vernünftige biologische Bereiche haben, diese aber nicht miteinander verbunden sind, entsteht eine genetische Verarmung und die Arten sterben aus“, so Günter Kunkel. Vor allem um die Bienen geht es. Kunkel ist selbst Imker – ein Hüter der Bienen.

Bis zu 75% sind manche Insektenarten bereits zurückgegangen. Eine tragische Entwicklung. „Um die 80% der Wild- und Nutzpflanzen sind auf die Bestäubung von Bienen und Wildbienen angewiesen, das heißt, wenn wir keine blütenbestäubenden Insekten mehr hätten, würde es bei uns bitterböse aussehen“, erklärt Kunkel. Das komplette Ökosystem käme aus dem Gleichgewicht, denn wenn ein Bereich der Nahrungskette zurückgeht, folgen auch weitere Bereiche. Eine Kettenreaktion. Das ist zum Beispiel bei den Vögeln zu sehen, die durch den Insektenrückgang weniger Nahrung finden.

Günter Kunkel sieht den Grund für das Insektendefizit am Menschen liegen, der durch die Verwendung von Pestiziden auf den Feldern der Umwelt nachhaltig schadet. Vor allem Neonicotinoide – das sind hochtoxische Nervengifte – sind für die Bienen gefährlich. „Wenn die Biene das Gift irgendwo aufgenommen hat, findet sie nicht mehr in den Stock zurück oder nur noch schwierig. Die Kommunikation ist gestört, sie können sich nicht mehr mit ihrem Schwänzeltanz austauschen, was sie normalerweise tun, um mitzuteilen, wo eine gute Trachtquelle ist.“ Kurz gesagt: Die Lebenserwartung der Biene sinkt stark, ihr Immunsystem ist geschwächt. Sie ist dadurch anfälliger für Bienenkrankheiten, vor allem für die Varroose, die sich in den Bienenstöcken ausbreitet. Diese wird von der Milbe Varroa verursacht, die das komplette Jahr über bekämpft werden muss. Früher haben Bienenvölker derartige Belastungen noch besser ausgehalten als heutzutage. „Das ist ähnlich wie bei einem kranken Menschen. Der bekommt auch schneller weitere Erkrankungen, die letztendlich zum Tod führen können.“

Bei den Wildbienen ist es noch weitaus gravierender.

Sie sind nicht wie Honigbienen Nahrungsgeneralisten, sondern häufig eher Nahrungsspezialisten. Das bedeutet, dass die Wildbiene auf eine bestimmte Pflanze angewiesen, auf diese also fixiert ist. Wenn diese Pflanze mit Pestiziden zu Tode gespritzt wird, stirbt die Wildbiene mit ihr – zumindest in dem jeweiligen Bereich.

                                                                                                                                                  „Die Wiesen, so wie sie jetzt aussehen, sind grüne Wüsten – da blüht nichts mehr.“

Nicht nur Pestizide zerstören den Lebensraum vieler wichtiger Insekten. Auch das Abmähen von Wiesen trägt dazu bei, dass die richtigen Pflanzen darauf nicht mehr wachsen können. Blumenwiesen, auf denen verschiedenste Pflanzen blühen dürfen, gibt es zumindest in Deutschland kaum noch. Was man sonst findet, sind übersäuerte und zu oft gemähte Wiesen. „Grüne Wüsten“, wie Günter Kunkel diese bezeichnet. Genauso sieht es mit den Gewässerrandstreifen, Straßenrändern und Feldern aus. Nach Kunkel wäre es wichtig, dort wieder mehr Blumen anzupflanzen, die natürlich frei von Giftstoffen sein sollen. Vor Jahren sah man oft noch Mohn und Kornblumen zwischen dem Getreide auf den Feldern stehen. Wo einst das leuchtende Rot einen schönen Anblick bot, reiht sich nun Getreide an Getreide.

Was kann man sonst tun, um den Insekten zu helfen?

Auf ökologische Landwirtschaft umstellen. Die Nachfrage nach Bioprodukten ist groß. „Es ist natürlich schwierig, weil die konventionellen Landwirte aufgrund der ganzen Landwirtschaftspolitik in eine Sackgasse, in eine Abhängigkeit manövriert wurden.“ Andererseits zeigen die Betriebe, die bereits umgestellt haben, dass es auch ökologisch funktioniert.

Privat kann jeder etwas für die Artenvielfalt tun. Blühsträucher und heimische Blumen anpflanzen.  „Den Garten, den Balkon möglichst naturnah verwalten“, empfiehlt Kunkel. Wichtig ist auch darauf zu achten, Pflanzen mit offenen Blüten zu verwenden. „Gefüllte Blüten sind für Bienen Mogelpackungen. Die fliegen die an, aber kommen nicht rein.“  Dabei handelt es sich um Zuchtformen, die sich durch eine vermehrte Anzahl an Blütenblättern im Zentrum der Blume auszeichnen.

Und letztendlich kann jeder natürlich auch mit seiner Unterschrift helfen.

Übrigens: Wer in seinem Zweitwohnsitz wohnt – also nicht in die Gemeinde kommt, wo der Erstwohnsitz liegt – kann bei seiner Gemeinde einen Eintragungsschein anfordern. Das funktioniert einfach per Mail an den Verantwortlichen (ist auf der jeweiligen Gemeinde-Seite vermerkt). Einfach persönliche Daten und Zweitwohnsitz-Adresse angeben und schon erhält man den Schein. Damit kann sich ein jeder in einer anderen Gemeinde nach Vorlage des Eintragungsscheines eintragen.


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