Das Monster unter dem Bett

von am 20.04.2019

Kennt Ihr Billie Eilish? Nicht? Dann ist jetzt der Punkt gekommen, das zu ändern. Denn die Sängerin ist spätestens seit dem Erscheinen ihres Debütalbums „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ drauf und dran der nächste Stern am Pop-Himmel zu werden. Doch nicht durch weichgespülte Gute-Laune-Texte und eingängige Melodien, sondern durch Depressionen, Horror und experimentelle Klänge. Und all das mit gerade einmal 17 Jahren.

Was an Billie Eilish als erstes auffällt, sind ihre Haare: mal Silber, mal Grün und aktuell Grau-Blau. Die Sängerin schert sich nicht darum, was andere über sie denken. Und das lässt sich auch auf ihre Musik übertragen. „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ offenbart einen schonungslosen Einblick in Billies Gefühlswelt. Am deutlichsten wird das auf „listen before i go“, ein Song darüber, wie sie mit ihrem Partner redet, bevor sie Selbstmord begeht:

„Take me to the rooftop/ I wanna see the world when I stop breathing“.

Viele Texte erwecken, den Anschein, man müsse sich Sorgen um die 17-Jährige machen. Doch tatsächlich ist es die Faszination für das Düstere, die Billie dazu bringt, diese Texte zu schreiben. Sie liebt Horrorfilme, Albträume und Unkonventionelles und das merkt man dem Album an. Schon das Cover zeigt eine weiß gekleidete Billie mit diabolischem Grinsen und Augen ohne Pupillen, die auf ihrem Bett sitzt. „Bury a friend“ ist der Perspektivwechsel zum Monster unter dem Bett, das mit den eigenen Ängsten spielt und eine beunruhigende Stimmung erzeugt. Das Musikvideo sieht aus (wie könnte es anders sein) wie ein waschechter Horrorfilm: Billie schlurft, von einem Dämon besessen, durch einen Hotelflur, bekommt ein Dutzend Spritzen in den Rücken gerammt und wird von Händen mit schwarzen Handschuhen im Gesicht gepackt. Dann noch die Musik, ein unruhiger, schneller Rhythmus wird immer wieder vom verzerrten Geräusch eines Zahnarztbohrers unterbrochen. Creepy.

Größtenteils ist es aber nicht der Bohrer, der die Schmerzen verursacht, sondern die Liebe. So viele Herzensbrüche in erst in 17 Jahren Lebenszeit, doch Billie ist eben kein normaler Teenager, wie sie dem Zeit Magazin sagt:

„Eine Weile, als ich elf oder zwölf war, habe ich dennoch versucht, all die normalen Dinge zu tun, die Mädchen in dem Alter so tun. Es hat nicht funktioniert, es waren die schlimmsten Jahre meines Lebens“.

Gut so, denn die gebrochenen Herzen lassen fantastische Songs entstehen. Billie geht damit clever sarkastisch um („wish you were gay“) oder abschließend, um Distanz zu schaffen („when the party‘s over“). Der Song „xanny“ fällt ein wenig aus dem inhaltlichen Raster, hier reflektiert sie den Konsum von Xanax, ein verschreibungspflichtiger Angstlöser, der sich in den vergangenen Jahren vor allem bei US-Rappern erschreckender Beliebtheit erfreut. Zum Glück lässt Billie die Finger davon:

„I don’t need a Xanny to feel better”

Klanglich weist das Album eine faszinierende Vielfalt auf, von Balladen, die nur von Klavier oder Gitarre begleitet werden über elektronischen Pop bis hin zu Hip-Hop-Einflüssen wechselt die Begleitung fast von Lied zu Lied. Über allem singt Billie mit einer zarten, oft säuselnden Stimme, die an manchen Stellen sogar flüstert. Trotzdem ist die Stimme kräftig und deutlich, das liegt daran, dass das Instrumental oft sehr minimalistisch bleibt und Billie Raum gibt. Ein bisschen erinnert sie an Lana del Rey oder Lorde, doch mit mehr Energie. Am stärksten ist das Album auf „you should see me in a crown“: Billie lullt den Hörer mit ihrer leichten Stimme ein, bevor die Musik kurz aussetzt und mit einem wuchtigen Bass und ratternden Hi-Hats wieder einschlägt. Der Titel bezieht sich übrigens auf eine Aussage von Moriarty, dem Bösewicht in der BBC-Produktion „Sherlock“.

Ein Star für die Generation Z

Das erste Mal machte die Sängerin 2016 auf sich aufmerksam, als sie den Song „Ocean Eyes“ auf dem Musikportal Soundcloud veröffentlichte und direkt einen Plattenvertrag bekam. Das Lied schrieb ihr älterer Bruder Finneas, mit dem sie bis heute im heimischen Schlafzimmer Musik produziert und schreibt. Drei Jahre später hat sie mehr Instagram-Follower als Donald Trump und die Musik-Streamingdienste reißen sich darum, mit der 17-Jährigen Werbung zu machen. Auf Apple Music war das Album mit rund 800.000 “Pre-Orders” das am meisten vorbestellte Album. Das spiegelt sich auch in den Charts wieder, in Deutschland sprang die Kalifornierin “nur” auf Platz drei, während es in vielen anderen Ländern (darunter USA, UK, Österreich und die Schweiz) für die Nummer eins gereicht hat. Gleichzeitig spricht sie offen über Depressionen und darüber, dass sie an Tourette leidet. Billie Eilish ist ein Star, der perfekt in den Zeitgeist passt und eine Generation abbildet, die sich an Musik auf silbernen Scheiben genauso wenig erinnert wie an Jahreszahlen, die mit einer 19 beginnen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch der Rest der Welt die dunkle Schönheit ihrer Musik erkennt.

Billie live in Deutschland und Österreich

Am 24. April beginnt die zugehörige “When We All Fall Asleep”-Tour, bei der sie zwar nicht direkt Station in deutschsprachigen Gefilden macht, im Zuge der Festivalsaison aber trotzdem zu uns kommt. Zu sehen ist sie Mitte August auf dem FM4 Freqency Festival in Sankt Pölten (nur zwei Autostunden von Passau entfernt), auf dem MS Dockville in Hamburg und im September auf dem Lollapalooza in Berlin. Für alle Festivals gibt es noch Tickets.

Bild: Darkroom/Interscope.


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