Clausnitz und Bautzen: Die Früchte der Wiedervereinigung

von am 25.02.2016

Am 03. Oktober feiern die Deutschen jedes Jahr die Deutsche Einheit und vergessen dabei, daß es auch dieser Tag war, der die Menschen in Clausnitz und Bautzen in den realexistierenden Kapitalismus Westdeutschlands integriert beziehungsweise darin versagt hatte. Die jüngsten Angriffe dort zeigen dies mehr als eindrücklich: Vor allem die Pöbler und Gröler müssen in die Gesellschaft integriert werden.

Doch wer sind diese Leute? Christian Y. Schmidt hat in einem Facebookbeitrag sehr richtig darauf hingewiesen, daß der Großteil dieser Menschen auch schon 1989 bei den Montagsdemonstrationen „Wir sind das Volk“ geschrien hat. Die Motivation dahinter war größtenteils nicht der Wunsch nach dem Sturz des DDR-Regimes per se, sondern lediglich Sozialneid, da die Demonstranten wußten, was die da drüben im Westen so hatten: Eigentum, Autos und Konsum. Schnell änderte sich der Slogan zu „Wir sind ein Volk“ und der Nationalismus nahm seinen Lauf. Diejenigen, die die DDR reformieren und liberalisieren und somit die Gefahr einer zu schnellen Wiedervereinigung abwenden wollten, wurden schlichtweg als Teil des alten DDR-Regimes oder gar der Stasi angesehen. So kam was kommen mußte: Die Zwangsvereinigung mit dem kapitalistischen Westen wurde beschlossen und Deutschland wurde wieder eins.

Die Wiedervereinigung ist jedoch nicht auf dem Konstrukt der Vernunft erbaut, sondern auf national-kapitalistischen Motiven. Wären die „Architekten der Einheit“ vernünftig gewesen, dann hätten sie mit der Zwangsvereinigung noch ein paar Jahre gewartet und die DDR nicht mit ihren gierigen, kapitalistischen Klauen ausgebeutet, wie Nazideutschland einst Polen. Imperialismus und Faschismus gehen immer Hand in Hand. Die Früchte dieser Vereinigung kann man nun in Orten wie Clausnitz und Bautzen ernten.

Was nämlich passiert ist, nach dem Helmut die Ostdeutschen an der Hand ins Wirtschaftswunderland geführt hatte, ist, daß die Gröler und Pöbler von 1989 bemerkten, daß es ihnen im realexistierenden Kapitalismus sogar noch schlechter geht, als im Sozialismus zuvor. Wo war Kohls Versprechen, daß es nach der Wende keinem schlechter ginge? Zum zweiten Mal fühlte sich „das Volk“ betrogen. Zuerst flüchtete man sich in Ostalgie. Es war ja nicht alles schlecht: Es gab kein Ausländerproblem in der DDR und man durfte ja noch stolz sein auf sein Land. Im neuen Deutschland hingegen konnte man sich den Mercedes nicht leisten, weil es ja keine Arbeit gab. Die Konsequenz konnte man nur wenige Jahre später in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda sehen: Rechtsextreme zünden Asylantenheime an, die bürgerliche Mitte steht daneben und applaudiert. Der Glaube an die Demokratie war damit erloschen und man versuchte nun mit allen Mitteln seinen Unmut kundzutun. Darum ist es auch nicht verwunderlich, daß vor allem in ostdeutschen Landtagen die NPD vertreten ist.

Die Ausländerlage entspannte sich und die neue Angst  heißt nun Islamisierung, gepaart mit Flüchtlingen die aus Kriegsgebieten flüchten, die der imperialistische Westen verursacht hat. Waffen und Öl sind seit jeher ein wichtiger Bestandteil des Kapitalismus. Daraufhin greifen die Pöbler und Gröbler auf altbewährtes zurück, die sogar die gleichen Symboliken enthalten: Die gleichen Sprechchöre, Montagsdemonstrationen und Merkel als Agentin der Stasi. Der Staat belügt „das Volk“ wieder, in dem er die Presse gleichschaltet und die Islamisierung des Abendlandes unterstützt. Da die „friedliche Revolution“ von 1989 nicht den gewünschten Erfolg brachte, versucht man es wieder mit Gewalt und zündet Flüchtlingsheime an und schüchtert Flüchtlingsfamilien mit ihren Kindern ein. Der Staat und die Polizeigewalt greifen nicht ein, statt dessen wird das Asylrecht verschärft.

Christian Y. Schmidt  hat Recht, wenn er sagt, daß die heutigen „Wir sind das Volk“ Gröler zum großen Teil die gleichen sind, wie vor 27 Jahren. Sie hatten die historische Chance verpaßt, ihr eigenes Land zu einem besseren zu machen, haben sich aber vom Materialismus des Kapitalismus blenden lassen. Aber der Kapitalismus selbst, in Form des Westens, trägt auch seine Mitschuld an den Tragödien, die vor allem im Osten passieren. Die Gier nach Profit und Ausbeutung, die in Form der Zwangsvereinigung von 1990 ihren Höhepunkt erreichte, ist mitverantwortlich an all dem Haß, der verbreitet wird.

 


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