Bisschen was Konkretes

von am 06.12.2018

Eine Rezension von Benedikt.

Die Bandgründung in der Schule 2011, die ersten Lieder 2013 als Straßenmusikanten aufgenommen, das erste Album 2016 mit dreifachem Gold prämiert. Die Jungs von AnnenMayKantereit haben eine Karriere hingelegt, die bis jetzt nur eine Richtung kannte: nach oben. Mit dem zweiten Album „Schlagschatten“ will die Band nun erwachsen werden und den Ruf der Belanglosigkeit ablegen.

„Mit den Sorgen dieser Platte kann man leben wie mit einem Leberfleck am Rücken, den ohnehin niemand sieht“, schrieb die Zeit über den ersten Langspieler „Alles nichts Konkretes“. Harte Worte für ein Album, das der Generation Y (also allen, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden) aus der Seele spricht wie fast keine zweite. Die Songs behandeln Themen wie die Liebe, Altbauwohnungen und das Leben Anfang zwanzig. Über allem schweben eine gewisse Orientierungslosigkeit und Unsicherheit, die das Erwachsenwerden so mit sich bringt. Zwei Jahre später scheint die Beziehung im Lot („Nur wegen dir“), doch wie schaut es mit dem Erwachsenwerden aus? In „Hinter klugen Sätzen“ heißt es: „Ich versteck mich hinter klugen Sätzen/Ziehe Konsequenzen, die gar keine sind“. Nicht viel weiter gekommen also?

Doch, denn an einigen Stellen wird das Album konkreter und damit auch besser. Allem voran im Song “Weiße Wand”, in dem sich die Kölner ungewohnt politisch äußern: „Flüchtlingskrise fühlt sich an wie Reichstagsbrand/Auch wenn ich das nicht vergleichen kann […] Ich bin jung und weiß in ‘nem reichen Land“. „Schon krass“ überzeugt durch eine schonungslose Reflexion des eigenen Marihuana-Konsums und „Sieben Jahre“ behandelt sehr bedrückend den Verlust einer geliebten Person, Erinnerungen an „Warten auf das Meer“ von Feine Sahne Fischfilet kommen hier auf.

Musikalisch bleiben sich Gitarrist Christopher Annen, Sänger Henning May, Schlagzeuger Severin Kantereit und Bassist Malte Huck weitestgehend treu. Der rockige Folk wechselt sich mit leisen Tönen ab, so wird Henning May auf „Hinter klugen Sätzen“ nur von einem Klavier begleitet. Dessen Stimme prägt den Klang der Band auf eine Art und Weise, wie man es selten findet. Sie klingt nach langen Nächten mit viel Whiskey, altem Seemann, Pfeifenrauch und so gar nicht nach dem dünnen 25-Jährigen mit den dunkelblonden Locken. Zusätzlich zu seiner kratzigen Stimme beherrscht er auch das Akkordeon und verleiht „Sieben Jahre“ damit eine stimmige Melancholie. „Ich geh heute nicht mehr tanzen“ bleibt mit einem (ironischerweise) tanzbaren Beat im Ohr, bei dem man hinterher nicht genau weiß, ob man jetzt feiern gehen oder doch lieber daheimbleiben und Pflanzen rauchen soll.

Auf „Jenny Jenny“ lässt sich der feurige Einfluss des Aufnahmeorts spüren, das Lied über eine Flugbegleiterin, die das Jetset-Life lebt, fällt durch seinen Latin-Einschlag auf. Die Band hat sich nämlich zum Recording eine Finca im spanischen Hinterland gemietet, wo das Album zusammen mit dem Produzenten Markus Ganter, bekannt durch seine Arbeit mit Casper, Drangsal und Tocotronic, entstanden ist. Zu allen 14 Liedern hat AnnenMayKantereit ein Musikvideo in Girona in Katalonien gedreht, im Vorfeld wurden schon sechs davon auf dem eigenen Youtube-Kanal veröffentlicht. Diese ungewöhnliche Entscheidung, zu jedem einzelnen Song ein Video zu produzieren, begründet Severin Kantereit so: „Wir haben uns dazu entschlossen, das ein bisschen direkter zu machen […] ich fand das sehr schön, um die Vielfalt von so einem Album besser präsentieren zu können“.

Doch auf „Schlagschatten“ ist es nur zu einem Teil der Inhalt, der aktuelle Stimmungen wiedergibt, vor allem trifft das Projekt neben der Musik den Zeitgeist. So spielten AMK ein spontanes Konzert in Istanbul, weil die Social Media-Resonanz aus der Türkei ungewöhnlich hoch war, eine Mini-Dokumentation in Zusammenarbeit mit Youtube Music gibt intime Einblicke in den Entstehungsprozess und mit dem Streamingdienst Spotify baut die Band in sechs deutschen Städten sogenannte „Pop-up-Wintergärten“ auf, in denen das Album in entspannter Atmosphäre vorgehört werden kann.

So huldigen AnnenMayKantereit der großen Fanschar, die sich die Band in kurzer Zeit aufgebaut hat. Deren Liebe ist so groß, dass die Tour 2019 schon vor der Ankündigung neuer Musik teilweise ausverkauft war. Und diesen Fans ist es auch zu verdanken, dass sich „Schlagschatten“ ganz oben in den Charts niederlassen wird, denn AnnenMayKantereit schaffen es, sich erneut so nahbar, aber auch gereift zu geben, dass es gar nicht anders geht, als die vier sympathisch zu finden.

„Schlagschatten“ erscheint am 07.12.2018 beim Label „Irrsinn Tonträger“. Digital ca. 11€, auf CD für ca. 16€.

 

Bild: PR, Martin Lamberty


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