Atome laufen Amok

von am 01.03.2013

Albumcover von Atoms for Peace - Amok. Quelle: Wikipedia

Albumcover von Atoms for Peace – Amok. Quelle: Wikipedia

Die Vorfreude ist groß, als das konsequent-minimalistisch gestaltete schwarz-weiße Etwas im Briefkasten aufschlägt. In der Tat lässt bereits die grafische Gestaltung dieses Albums vermuten, dass hier Konventionen zerschlagen werden sollen: Kometen prallen auf die Erde, Los Angeles versinkt im Chaos. Und zu allem Überfluss schlägt man das ganze auch noch nach links auf, eben anders herum als alles andere.

Hört man dann jedoch an, was sich auf Amok verbirgt, dann lässt sich recht schnell eines sagen: Chaos ist definitiv vorhanden, aber Chaos nach Yorke schafft Struktur und Ordnung.

Aber der Reihe nach: Atoms for Peace, das ist in erster Linie Thom Yorke, die unvergleichliche Stimme von Radiohead. Zu ihm gesellen sich in dieser Supergroup allerdings Nigel Godrich an der Elektronik, Flea von den Red Hot Chili Peppers am Bass, sowie Joey Waronker (u.a. bei R.E.M) an den Drums und der Percussionist Mauro Refosco. Zugegeben, eine Kollaboration von Yorke und Godrich ist keine große Überraschung. Schließlich arbeiten beide bereits seit Jahren auf nahezu allen Veröffentlichungen des Radiohead-Frontmannes zusammen. Interessant wird die Sache aber spätestens mit der Bass-Ikone Flea. Wird man das raushören?

Yorke bewies bereits mit seinem ersten unvergleichlichen Soloalbum The Eraser von 2006, dass er als die treibende Kraft hinter den verkopft-elektronischen Einflüssen im Radiohead-Opus verstanden werden kann. Das kann man mögen oder nicht. Unbestreitbar ist hingegen, dass diese Band in den Dekaden seit ihrer Gründung eine Wandlung durchmachte, die sie von einer melancholischen Gitarren-Gruppierung zur Avantgarde werden lies. Das letzte Radiohead-Album, King of Limbs (2011) bezeichnet Yorke dann auch als totale Abkehr vom Rock. Der inhaltliche Abschied vom Mainstream schien damit perfekt zu sein, und das, nachdem sich die Band mit In Rainbows (2007) noch zugänglicher gezeigt hatte.

Hierhin bewegen sich die Erwartungen bei Amok. Es ist angerichtet: Als Grundlage dient die Yorkesche Klangästhetik, dazu kommen die Synths von Godrich, der zur Zeit mit seiner Band Ultraísta den Pop unsicher macht. Kann mit der richtigen Dosis Flea dann überhaupt noch etwas schief gehen? Vorweg: Nein, kann es nicht.

Der Opener, Before Your Very Eyes…, überrascht mit Latino-Rhythmen. Hier ist vielleicht am Ehesten die Handschrift von Flea zu erkennen, der sich im weiteren Verlauf dezent zurück hält. Der Rest geht runter wie Öl, Amok ist ein Album, das ohne Weiteres beim ersten Durchgang an einem Stück gehört werden möchte. Die Promo-Single Default, die bereits hohe Erwartungen geschürt hatte, entpuppt sich dabei gar als eines der unspektakuläreren Stücke der Platte, wenngleich Beat und Synthesizer hier auch eine wunderbar dichte Symbiose eingehen.

Ein Höhepunkt ist definitiv das mitunter sehr tanzbare Dropped, in dem sich der gewohnt introvertierte Klangkosmos auf grandiose Weise öffnet. Eine solche Zugänglichkeit sucht man auf The Eraser vergebens. Godrich scheint hier exakt die richtige Menge Ultraísta beigemischt zu haben, lädt damit zum Tanz, ohne jedoch den Anspruch herunterzuschrauben. Daneben stehen Stücke wie Reverse Running. Der Titel ist hier wörtlich zu nehmen, der erste Eindruck lässt vermuten, dass hier etwas rückwärts abgespielt wird. Wird es aber nicht, dafür bricht Yorke, wie man es von ihm gewohnt ist, mit Konventionen. Der Beat möchte eigentlich so gar nicht in den von der Melodie vorgegebenen Rhythmus passen, das ist aber egal, denn der Track funktioniert – wohl gerade darum – trotzdem sehr gut.

Und genau das ist der Punkt. Amok beinhaltet Chaos, Strukturen werden unterwandert, und dadurch entsteht Ordnung: Die eigentliche Aussage dieses Stückwerks bildet sich erst im Kopf des Hörers, hier wird der Summe der Teile das entscheidende Mehr beigemengt. Interpretieren kann man das kaum, vielleicht sollte man das auch nicht versuchen. Fakt ist aber, dass dieses Album nicht enttäuscht, wenn der Hörer weiß, worauf er sich da einlässt.

Wer die Fleißaufgabe unternimmt, Amok im Opus des Thom Yorke verorten zu wollen, muss recht bald feststellen, auf verlorenem Posten zu stehen. Vielleicht ist das Album elektronischer als The Eraser, dabei mehr Pop als King of Limbs und definitiv verkopfter als In Rainbows. Auf jeden Fall ist hier schwerlich von einer linearen Entwicklung im musikalischen Universum des Briten zu sprechen. Die übergeordnete Mission der Abkehr vom Rock ist zwar erfüllt, aber jedes der genannten Alben ist eine für sich stehende Momentaufnahme unmittelbar vor einer plötzlichen, unkontrollierten Zuckung.

Das lässt sie in sich rund erscheinen, dabei aber auch Teil eines kohärenten Ganzen sein. Zwar würden einige Tracks auf Amok auch auf King of Limbs (Stuck Together Pieces) oder In Rainbows (Judge, Jury and Executioner) nicht weiter stören, aber Amok ist und bleibt ein in sich schlüssiges Album. Es macht Sinn, so wie es ist, wenn Atome Amok laufen.

von Carsten Brück


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