Musik gegen Corona – 12 von AnnenMayKantereit

von am 03.12.2020

„Es ist nicht mehr fünf vor, sondern wirklich zwölf. In allen Bereichen.“ Eine Aussage von Henning May, die sich nicht nur im Titel des neuen Albums, sondern auch in Melodie und Text widerspiegelt. Die Mischung macht’s – von bitterer Wahrheit bis Selbstironie ist auf der neuen AMK-Platte alles dabei.

Eine Plattenkritik von Sarah Fucentese.

Quasi aus dem Nichts überrascht die Kölner Band mit einem neuen Album – so ganz ohne Promo und Schnickschnack, inmitten einer Pandemie. Schon der Auftakt von „12“ ist melancholisch, wenn auch durch den Sprechgesang eher AMK-untypisch. Begleitet von sanften Hintergrundgesängen raspelt der Sänger mit rauer Stimme, für die er so bekannt ist: „So wie es war, so wird es nie wieder sein.“ Eine klare Anspielung auf die aktuelle Situation in Deutschland, und auch nach eigener Aussage ist das neue Album ein unter Schock entstandenes Corona-Album.

Der rote Faden

Dies wird auch beim Zuhören deutlich. Die Reihenfolge der Lieder scheint schon beim ersten Anhören ganz und gar nicht willkürlich; viel mehr erzählt sie eine Geschichte. In Gegenwart ist die Rede vom tristen Corona-Alltag; von der anfänglichen Langeweile, die 2020 wohl in jedem Haushalt geherrscht hat. Titel wie Zukunft und Vergangenheit verstärken die Melancholie, die das Album schon grundsätzlich mit sich bringt.

„Ich glaub Corona ist berühmter als der Mauerfall und Jesus zusammen“

Doch je weiter der Hörer auf dem Album voranschreitet, desto tiefgehender werden die Emotionen. Die Band schreckt wieder einmal nicht vor politischen und gesellschaftlichen Themen zurück; das beweisen sie zum Beispiel auch später in Die letzte Ballade, in welcher sich der Sänger, begleitet vom Klavier, auf den neuen Rechtsextremismus und die Rassismusmorde bezieht. Es geht weniger um den Menschen als Einzelnen, als um das große Ganze – und was in dieser Welt 2020 passiert ist und immer noch anhält.

Zur Mitte hin wieder ein Lichtblick

Das zweite Drittel des Albums scheint, in Perspektive zum Anfang, fast wieder hoffnungsvoll; die Rede ist von Sonne und Meer. Auch wenn das Fernweh in Warte auf mich [Padaschdi] und Paloma mitschwingt und sich in Tracks wie Sommerregen über den Corona-gefärbten Alltag lustig gemacht wird, hallt immer noch Henning Mays Stimme nach, wie er zu sich und seinen Zuhörern spricht: „Es ist okay.“ Ob es nun Akzeptanz oder Resignation ist; ein Zitat, mit dem sich wohl oder übel jeder im Moment identifizieren muss.

„Ich frag‘ mich, worauf warte ich?“

Und dann zum Ende die Ungewissheit, wie es denn jetzt weitergeht: Sanfte Töne schwirren durch den Raum, währen May von Melancholie und Vermissen singt. Das Gefühl spricht von allem, was einem im Moment fehlt. Worte, mit denen wohl jeder sympathisieren kann. Den letzten Denkanstoß gibt es dann im Outro: „Es ist doch erstaunlich, dass jeder glaubt, es besser zu wissen.“ Weise Worte von einem Album, dass es sich auf jeden Fall nicht nur einmal anzuhören lohnt. Und wann findet sich wohl dafür Zeit, wenn nicht jetzt?

 


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