Medien: Das ist nicht die ganze Wahrheit…

von am 27.08.2017

Ein großer, schlanker Mann mit grauem Bart steigt aus einer schwarzen Limousine aus. Es handelt sich um Spaniens König Felipe VI. Er grinst und geht auf Mariano Rajoy zu, Spaniens Ministerpräsidenten. Beide lächeln und schütteln sich die Hand. Im Hintergrund ertönen laute Pfiffe. Ein paar Minuten später sind sie Teil der großen Demonstration, an Seite des katalanischen Präsidenten Carles Puigdemont. 500 000 Menschen ziehen hinter dem Trio durch Barcelonas Straßen um gegen Terrorismus und für Frieden und Solidarität zu demonstrieren. Mit katalanischen Flaggen in den Händen rufen sie „Ich habe keine Angst“. Lila Plakate sind zu sehen, auf denen ein Bild von Felipe zu sehen ist, zusammen mit dem König von Saudi Arabien. Auf dem Plakat steht: Eure Politik sind unsere Toten. Sprechchöre kritisieren die konservative spanische Regierung und den König scharf. Es wird ihnen vorgeworfen, den Terrorismus indirekt durch Waffenverkauf an Saudi Arabien mitzufinanzieren.

Von den Pfiffen und kritischen Transparenten hast du nichts in den deutschen Medien gehört? Auf den Bildern der Tagesschau sah man lediglich wie 500 000 Menschen hinter dem König und den Politiker standen. Bei SPIEGEL Online stand später ein Vater eines beim Anschlag getöteten Kindes im Fokus, der einen Imam umarmt. Schöne, starke Bilder mit Sicherheit. Sie sind jedoch nur ein Teil der Wahrheit.

Tagesschau auf Facebook: Keine Erwähnung der kritischen Stimmen

Tagesschau auf Facebook: Das Volk steht hinter dem König. Piffe und kritische Transparente werden nicht erwähnt, obwohl letztere im Bild zu sehen sind.

Wer in der letzten Woche die deutsche und spanische Berichterstattung über den Anschlag in Barcelona vergleicht, wird bemerken, daß in Spanien ganz andere Themen im Vordergrund standen. Man mag vielleicht denken, daß dies logisch sei, aufgrund der physischen und emotionalen Nähe zum Anschlag. Dies ist natürlich vollkommen richtig. Die deutsche Wahrnehmung jedoch mit starker Verkürzung von Informationen zu verzerren, kann aber auch nicht der richtige Weg sein. Es wurde schlichtweg so getan, als sei das gesamte spanische Volk zusammen gegen den Terrorismus aufgestanden und alle Konflikte und Probleme der Vergangenheit wurden kurzzeitig zur Seite gelegt. Daß das katalanische Innenministerium zwischen katalanischen und spanischen Opfern unterschied war Zeit Online eine Randnotiz wert, aber lediglich in einem separaten Artikel über den besonderen Fall Kataloniens, jedoch nicht direkt im Zusammenhang mit dem Terrorismus. Die Aufregung der Spanier, daß der Polizeisprecher die Ansprachen auf Katalan hielt und das spanische Fernsehen extra Dolmetscher für ihre Landsleute engagieren mußte, ist den deutschen Medien kein Wort wert. Schließlich stehen Rajoy und Puigdemont, ja sogar Rajoy und Pablo Iglesias, ein erbitterter Kritiker und Gegner des Ministerpräsidenten, Seit an Seit gegen den Terrorismus. Da stören solche Kleinigkeiten eben. Es sind aber sehr wichtige Details, die eben ein komplett anders Bild der Geschehnisse zeichnen. Ein kurzer Blick auf die Internetseite der spanischen Tageszeitung El Pais zeigt, daß es dort bereits im Vorspann des Artikels heißt, daß Felipe VI und Rajoy von tausenden Demonstranten ausgepfiffen wurden, was später auch in einem Video belegt wird.

Spulen wir ein paar Monate zurück und sehen wir uns den englischen Wahlkampf an. In den deutschen Medien stand vor allem die Brexit-Strategie im Vordergrund, schließlich betrifft uns diese auch direkt. Der Sieg Theresa Mays stand außer Frage. Ihr Konkurrent Jeremy Corbyn von der Labour Party, ein Altlinker, wurde nicht sonderlich ernst genommen. Das Bild war sehr ambivalent: Manche nannten sein Programm durch und durch sozialdemokratisch, andere bezeichneten ihn als „Stalinisten“ und „Trotzkisten“ zugleich. Da wurde wohl zu viel von der rechten englischen Presse abgeschrieben.
Problem: Das überraschende Ergebnis der Wahl (Tories verlieren absolute Mehrheit) war nur mit den Informationen der deutschen Presse überhaupt nicht nachzuvollziehen. Über die wirklich relevanten, wahlentscheidenden Themen, wie die Privatisierung des Gesundheitssystems, Abschaffung des kostenlosen Schulessens und der Studiengebühren oder die Eigenkosten der Pflege im Alter, wurde nur wenig bis gar nichts berichtet. Es hieß dann sogar, daß die Briten mit dem Brexit unzufrieden seien, dabei stand dieser bei der Wahl gar nicht zur Debatte. Lediglich die Brexit-Strategie wurde öffentlich diskutiert, aber war mit großer Sicherheit nicht wahlentscheidend, denn jeder wußte: Der Brexit wird kommen.

Was können die Medien also besser machen? Kulturelle und politische Hintergründe erklären, statt Pressemeldungen abschreiben. Auf die Stimmung im Land eingehen und die deutsche Brille absetzen. Und zu guter Letzt: Verkürzen von Informationen nur dann, wenn das Gesamtbild nicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt wird. Sonst bleiben einem wirklich nur noch die ausländischen Medien, die zum Teil sehr informativ und aufklärend über Deutschland berichten.


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