El 23-F: Spaniens Demokratie auf der Kippe

von am 02.12.2016

Madrid, 23. Februar 1981, 18:23 Uhr. Antonio Tejero hat soeben den Plenumssaal des Congreso de los Diputados mit einer schwer bewaffneten Hundertschaft der Guardía Civil gestürmt. Um diese Zeit hätte eigentlich Leopoldo Calvo-Soleto zum neuen Präsidenten der Regierung gewählt werden sollen. Dies war notwendig, nachdem Adolfo Suárez, erster Ministerpräsident der noch jungen spanischen Demokratie, zurückgetreten war. Trotz seiner wichtigen Beiträge zur Transición, dem Übergang von der franquistischen Diktatur zur Demokratie, konnte er die Wirtschaftskrise und den Terrorismus im Land nicht bewältigen.

Für die rechtsextremen Franquisten, unter ihnen viele Armeeangehörige, waren die demokratischen Reformen ein Dorn im Auge. Bereits 1969 hatte der Generalíssimo Francisco Franco Juan Carlos als seinen Nachfolger bestimmt und damit die Wiedereinführung der spanischen Monarchie. Francos Ziehsohn, wie Juan Carlos von vielen gesehen wurde, sollte Francos Erbe antreten. Um so mehr waren die spanische Bevölkerung und die franquistischen Minister überrascht, als der neue König nach Francos Tod im Jahre 1975 demokratische Reformen ankündigte. Mit der Verfassung von 1978 wurde Spanien zur parlamentarischen Demokratie. Der König übernahm repräsentative Aufgaben und war Oberbefehlsheber der Armee, die nach wie vor ein großes politisches Konfliktpotential darstellte. Die Altfranquisten hielten in den Jahren nach Francos Tod konspirative Treffen ab und schmiedeten Pläne, wie sie wieder zur alten Ordnung zurückkehren könnten. Die Verschwörer planten einen Militärputsch.

Antonio Tejero am Rednerpult im Cortes. Das Weltpressefoto des Jahres 1981. (C) EFE/Manuel Barriopedro

Antonio Tejero am Rednerpult im Cortes. Das Weltpressefoto des Jahres 1981. ©EFE/Manuel Barriopedro

Antonio Tejero, Oberstleutnant der Guardía Civil, soll in den Cortes eindringen und das Parlament handlungsunfähig machen, so daß ein Machtvakuum entsteht. Als Tejero mit der Hundertschaft den Plenumssaal stürmt, entsteht ein Tumult. Manuel Gutiérrez Mellado, selbst General und ehemaliger Verteidigungsminister, erhebt sich von seinem Sitz und versucht Tejero zu beruhigen, auf ihn einzureden. Die Hundertschaften, mit Maschinenpistolen bewaffnet, drängen ihn zurück. Tejero, der die Abgeordneten mit einer Pistole bedrohte, gab daraufhin ein paar Warnschüsse ab. Schüsse aus den Maschinenpistolen folgten. Die Abgeordneten gingen in Deckung. Nur der Chef der Kommunistischen Partei raucht unbeeindruckt eine Zigarette. Die spanischen Bürger konnten Großteile des Putsches live im Radio mitverfolgen, die Fernsehkameras zeichneten ebenfalls auf. Aufgeregt, wie bei einem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft, berichtet Radiomoderator Rafael Luis Díaz von Ereignissen.

Da an diesem Abend das Schicksal Spaniens auf dem Spiel stand, hörten die Leute auf ihren Transistorradios gebannt mit. Bis heute ist die Nacht vom 23. Februar 1981 als „noche de los transistores“ bekannt. Neben Ton- und Filmmaterial, nutzten die anwesenden Photographen die Gunst der Stunde um den Putsch auch bildlich festzuhalten. Das Bild vom bewaffneten Antonio Tejero am Rednerpult im Cortes ging um die Welt und wurde 1981 zum Weltpressefoto gewählt.

Panzer auf den Straßen von Valencia. Die Armee macht mobil.

Panzer auf den Straßen von Valencia. Die Armee macht mobil.

Nachdem der Cortes ausgeschaltet war, ließ der Befehlshaber der III. Militärregierung um Valencia, General Jaime Milans del Bosch über den Rundfunk halbstündig ein Manifest senden und zeitgleich Panzer in der Stadt auffahren. In Madrid wurden die Fernseh- und Radiostationen des Radiotelevision Española eingenommen. Die einst von Franco gegründeten Sender spielten fortan Militärmusik. Die Putschisten hofften, daß auch andere Befehlshaber eine Militärregierung unter Führung von Milans del Bosch unterstützten um damit die alte Ordnung wiederherzustellen. Diese waren allerdings den Befehlen des Königs unterstellt und es war unklar, ob er hinter den Plänen der Putschisten steht. Da jedoch ein Alfonso Armada, ein Freund des Königs, unter den Verschwörern war, ging man von einer Unterstützung, oder zumindest einer Tolerierung seitens des Königs aus. Zögerlich sagten manche Befehlshaber zu.

Ein Soldat der Guardía Civil hält im Cortes eine Ansprache an die Abgeordneten. Sie hätten nichts zu befürchten und man warte nur auf eine militärische Autorität, die dann verkünde wie es weiterginge. Diese militärische Autorität, auch „elefanto blanco“ genannt, erschien jedoch nie. Bis heute ist unklar, wer genau damit gemeint war. Die Geschehnisse ließen einige Abgeordnete Erinnerungen an den Putsch in Chile durch Pinochet im Jahre 1973 wach werden.

Journalisten lesen eine der vielen Sonderausgaben der "El País" vor dem Hotel Palacio.

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Journalisten lesen eine der vielen Sonderausgaben der „El País“ vor dem Hotel Palacio. ©Ricardo Martín

Spaniens größte Tageszeitung „El País“ druckte an diesem Abend mehrere Sonderausgaben. Die Spezialausgabe mit dem Titel „El País, con la Constitución“ gilt bis heute als eine der bekanntesten Titelblätter der spanischen Zeitungsgeschichte. Die Ausgaben wurden an die Menschenmassen verteilt, die sich in Madrid zu einem Protestmarsch für die Demokratie und Verfassung versammelt hatten.

Von all dem bekamen die Abgeordneten im Cortes natürlich nichts mit. Der Erfolg des Putsches hing von der Haltung des Königs ab. Wird er die Putschisten unterstützen? Als Juan Carlos von dem Putsch erfährt, versichert er sich zuerst der Loyalität der Oberkommandos der Streitkräfte. Anschließend zeichnete der König, in Militäruniform gekleidet, eine Fernsehansprache auf, die um 01:14 Uhr gesendet wird. Darin verurteilt der König den Putsch und ordert an, daß man zur demokratischen Ordnung zurückkehren sollte. Dadurch wurde den Putschisten der Boden unter den Füßen weggezogen.

Juan Carlos I. bei seiner Fernsehansprache: Rückkehr zur rechtmäßigen demokratischen Ordnung. RTVE

Juan Carlos I. bei seiner Fernsehansprache: Rückkehr zur rechtmäßigen demokratischen Ordnung. RTVE

Im Cortes war man nicht ganz von der Außenwelt abgeschnitten. Als der Sozialdemokrat José Bono auf die Toilette mußte, drückte ihm ein Soldat der Guardía Civil die Sonderausgabe der El País in die Hand. Später erzählt er, daß ihm in diesem Moment klar wurde, daß das Land hinter der Demokratie stehe und nicht hinter dem Militär.

Am Morgen ergaben sich die ersten Soldaten der Guardía Civil und kletterten aus den Fenstern. Der Putsch war gescheitert. Gegen Mittag wurden die Abgeordneten freigelassen. Die Putschisten wurden verhaftet und bis zu 30 Jahre Haft verurteilt, wobei sie nicht einmal die Hälfte absitzen mußten.

Damit ging eine dramatische Nacht in Spanien zu Ende. Eine Nacht, die die junge Demokratie beinahe wieder in den Franquismus gestürzt hätte. Schlußendlich wurde sie jedoch nur damit gestärkt: Die große Mehrheit des Volkes stand eindrucksvoll hinter der Verfassung und der anfänglich noch skeptisch betrachtete und junge König Juan Carlos konnte mit seinem entschiedenen Auftreten sein Image verbessern. Spanien hat an diesem 23. Februar dem Franquismus endgültig entsagt.


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